DOLLS Puppen No 01/2010
Die Fabelhafte Welt der Sabine Vogel ~ Mit Fabelwesen
auf Du und Du
Ein sechs Seiten Bericht über die Beautiful Beasts.

Beautiful Beasts Liss - die Braut des Prinzen auf den
Cover von DOLLS Puppen.
Es sieht ganz so aus, als habe die Bielefelderin Sabine
Vogel das, was die Japaner
ein Blumenherz, hananokokoro, nennen. Das hat man, wenn
das Blumenhafte das
Handeln eines Menschen, auch andere Lebens- oder Schaffens-situationen
bestimmt.
Die intensive Wahrnehmung und stille Beobachtung der
Natur, die sinnliche Verbindung
mit den Blumen, so sagt man, zwinge zur inneren Ruhe,
Heiterkeit und Ausgeglichenheit.
Und drängt in Sabine Vogels Fall zu gelebter Kreativität:
Fantasyfiguren, Plastiken,
Skulpturen, Künstlerpuppen.
Auch Büsten, wie John Doe oder Caeruleus
gehören zum Werk Sabine Vogels
Entdeckt hatte Sabine Vogel Puppen schon im zarten Alter
von zwölf Jahren,
als sie ihre ersten beweglichen Puppen, nämlich
Piraten und Indianer schuf.
Auf den beglückenden Puppenweg ist die 41 Jahre
junge Künstlerin allerdings
erst viel später über den Umweg des Blumenwegs
gekommen, sprich Floristik.

Betrachtet man ihre zauberhaften Fabelwesen und mythischen
Geschöpfe,
stellt sich unwillkürlich die Frage Bedauern
Sie es, dass Sie sich nicht schon
viel früher der Puppenkunst verschrieben haben?
Nein, sagt sie entschieden,
heute kommt es mir vor, als wäre die Zeit
davor wie eine einzige Vorbereitung
auf meine wahre Berufung gewesen. Diese Farbharmonie
der Natur, die mich
schon als Floristin begeistert hat, bereichert jetzt
mein Schaffen als Puppenkünstlerin.
Mit den Augen abschmecken könnte man
die Art bezeichnen, mit der sie subtil
die Farben der Kostüme und Roben für ihre
im doppelten Sinne fabelhaften
Geschöpfe mischt. Der Betrachter ihrer durch Anmut
bestechenden filigranen
Puppenträume in Porzellan fühlt
sich einbezogen in den harmonischen Zusammenklang,
das reizvolle Zusammenspiel von Farben und Texturen.

Kommunizieren auf zwei Ebenen
Sabine Vogel kommuniziert mit dem Betrachter auf zwei
Ebenen: durch ihre dreidimensionalen
Geschichtenerzähler und durch das Worte-Schmieden
von dazugehörigen Abenteuern.
Ständig ist sie auf der Pirsch nach einer eigenen
Sprache, um die Essenz, die Seele
ihrer mythischen Wesen sichtbar zu machen. Eingesponnen
zwischen Traum und Wirklichkeit
wirkt sie eigene Märchenfäden in die leblose
Plastilinmasse, die sie noch Minuten zuvor
scheinbar ziellos hin und her bewegt hat. Dann zieht
sie Charakter gebende Gesichtszüge
buchstäblich an der Nase herbei. Fast so, als wäre
sie das Werkzeug ihrer rätselhaften
Geschöpfe. Mit allen muss sie sich identifizieren
können, sonst kann sie ihnen keine Seele einhauchen.
Eine Bewunderin ihrer Kunst sagte: Das Besondere
an Sabine Vogel ist, dass sie hervorragend
modellieren kann und zudem ganz außergewöhnliche
Ideen hat. Ihre Puppen sind so
gestaltet, dass sie auch Leute ansprechen, die mit den
herkömmlichen Künstlerpuppen nicht
viel anfangen können. Sie ist eine Bereicherung
der Puppenszene. Und klingen beim
Betrachter eigene Erinnerungen und fantasievolle künstlerische
Ausführung zusammen,
erfindet er eigene Geschichten. Sabine Vogel empfindet
es als spannend, die immense
Bandbreite der Gestaltung von Puppen auszuloten, denn
jede neue Aufgabe belohnt sie
mit frischen Herausforderungen.

"11ling
auf dem Pusteblumensamen und am Waldesrand.
Das Filigrane des 11lings wird im Größenvergleich
mit einem Fingerhut erst richtig deutlich."
Myriaden von Mythen
In den von ihr erfundenen mythischen Porzellanwesen
pocht auch ein Teil ihres Herzens.
Schmückendes Beiwerk wie etwa die mit Lederbändern
eingefassten oder mit Goldperlen
verzierten Kleider, die goldenen Ringe an Daumen und
Zehen, die aus Porzellan
aufmodellierten, vergoldeten Armbänder, die rätselhaften
oder verträumten Blicke
aus von Mund geblasenen Lauscha-Kristallaugen,
vertiefen die Aura. Es ist, als hätte
der Atem alter Märchen und Sagen ihre geheimnisvollen
Kreaturen samt ihrer
Gewänder durchweht. Ihre menschlichen Figuren aus
Porzellan wirken dank der
zahlreichen, unauffälligen Gelenke, die den Körpern
ihrer Beautiful Beasts-
Homo gracilis-Serie durchziehen, erstaunlich
lebendig.
Diese ermöglichen beispielsweise nicht nur ein
hohes Maß an Beweglichkeit,
sondern auch eine beredte Körpersprache, durch
welche sich ihre Emotionen
mitteilen und sich ihre eigenständige oder eigenwillige
Persönlichkeit zeigt.
Auch wird der Betrachter dazu animiert, die Puppen
selbst zu bewegen und in Szene zu setzen.
Zauberhaft sind die Namen ihrer von Geheimnis umwobenen
Kreaturen: Prinz Wu-Han,
Graf Nikodemus und seine schöne Braut Liss,
der Dschinn, der 1.000 Jahre
lang in einer Lampe eingesperrt war, Weltenbummler Ahmad
und sein skurriler
Wander-Ogel, das scheue Schneckenkind, Punker
Willi eine Sterntätowierung
für jede Sünde etwa, Die Rudis,
Die Vins, Geburt der ersten Seele,
natürlich
der elf Zentimeter messende 11ling auf der
Rennstrecke und der 11ling,
der angeweht kommt auf den Fallschirmwinzlingen,
sprich Samen einer Pusteblume.
Und wie es sich für einen 11ling gehört, hat
er spitze Öhrchen. Angkor, ein
Relief
aus Hartgießmasse, wurde inspiriert von den Steinornamenten
am Tempel
Angkor-Wat in Kambodscha. Die Geburt der ersten
Seele und die Ergänzung
zum Thema, nämlich die Skulptur Muschelkind,
berührt. Als Hans Christian Andersen-Fan
war die Umsetzung seiner Geschichte von der kleinen
Meerjungfrau natürlich ein Muss.
Die Hauptfigur stand Pate für Larinda.

"Larinda, die kleine
Meerjungfrau ist der Figur aus Hans-Christian
Andersens Märchen nachempfunden.
Zauberhaftes Fabelwesen: Ahmad,
der Dschinn
Nikodemus, Graf Morgula
scheint einer Fantasiewelt entsprungen"
Dreidimensionale Geschichtenerzähler
Wie man sieht, ist es Sabine Vogel wichtig, eine ihr
seit früher Kindheit vertraute literarische
Fantasie als ihre eigene Vision neu zu erschaffen und
die ursprüngliche Substanz zu verdichten.
Immer mehr ist sie davon fasziniert, Puppen mit Ecken
und Kanten zu schaffen.
Momentan entsteht gerade eine fiktive Piratengestalt.
Nein, sagt sie, es ist nicht, wie
man
vielleicht glauben könnte, Long John Silver aus
Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson,
sondern Der schwarze Hai. Er stellt meine
persönliche Mischung aus piratentypischen
Charaktereigenschaften dar. Ich wollte einen Mann gestalten,
dem das Schicksal übel
mitgespielt hat und welchem kurz vor dem ihm sicher
geglaubten Ende eine Wende der
positiven Art bevorsteht. Und alles einer einzigen guten
Tat wegen, die somit belohnt wird.
Allerdings habe ich ihm dies bis jetzt noch nicht verraten,
sagt sie schmunzelnd.
Frauen will Sabine Vogel jetzt öfter machen, denn
ihre Männerfiguren haben signalisiert,
dass sie einsam sind. Die Frauen werden sogar noch beweglicher
sein, denn sie sollen
14 Gelenke im Kopf, in der Taille, in der
Schulter, in den Ellenbogen und in den
Handgelenken, in der Hüfte und in den Fußgelenken
erhalten, ganz wie die Männer.
Nur, dass die Ellenbogen und die Knie dann ein Doppelgelenk
haben und somit um
180 Grad angewinkelt werden können.

"Auch Büsten, wie John
Doe oder Caeruleus
gehören zum Werk Sabine Vogels"
Puppen als Zauberstab
Betrachter spüren das Vergnügen, das Sabine
Vogel empfindet, wenn sie mit dem
Zauberstab namens Puppenkunst Wunder und Staunen austeilt.
Sie bringt es immer
wieder fertig, ihre Geschöpfe stimmungsvoll zu
inszenieren, ihnen einen auf ihre
Geschichte oder Erlebnisse zugeschnittenen, stimmigen
Lebensraum zu schaffen.
Kein Wunder, dass sie mit begehrten Preisen geehrt wurde:
1992 mit dem 1. Preis
für Punker Rufio, 2003 mit dem Max-Arnold-Kunstpreis
und einem Preis bei einem
Internationalen Wettbewerb in Oberhausen. 1994 verlieh
ihr ein Duisburger
Verlagshaus den gläsernen Feenstab
für Manu, den Jungen aus der Urzeit.
Bühne für ihre Fantasiegestalten war in der
Vergangenheit das Museum der Deutschen
Spielzeugindustrie mit einer Ausstellung zum Thema Zwischen
Wirklichkeit und Fantasie,
Puppen, Figuren, Objekte, Menschenkinder,
Puppenkunst Die Zehnte Zahlenspiele
und im Rheinischen Industriemuseum Oberhausen zum Thema
Verzaubertes Eisen und
Die Wunderbare Welt der Puppen. Auch auf
den Puppen-Festtagen in Eschwege
ist sie stets ein gern gesehener Gast, wie auch in Mühldorf
auf dem Internationalen
Festival der Puppenkunst, der Doll-Art Darmstadt und
beim Verband europäischer
Puppenkünstler in Neustadt. Ihre Schamanen in Puppengestalt
haben ihre Geschichten
noch lange nicht zu Ende erzählt. Wir dürfen
gespannt bleiben.
Auf dass sie alle ein Happy End finden.

Viel Wert legt die Künstlerin auf die passenden
Kostüme ihrer Figuren, wie hier bei der Die
Braut des Grafen
Cool: Willi ein
Stern für jede Sünde
Der Artikel in DOLLS Puppen online : Mit
Fabelwesen auf Du und Du