Dollami Nr.3/04
Bewegliche Figuren aus Porzellan
Es hat den Menschen seit je her fasziniert, Abbilder
seiner selbst zu erschaffen.
Durch alle Epochen der Menschheitsgeschichte hindurch
und in allen Regionen
der Welt finden sich Belege dafür. Der Wunsch,
möglichst glaubwürdige Illusionen von
"Lebendigem" zu erzeugen, war dabei stets
eine starke Triebfeder und ist sicher auch
eines der Hauptmotive bei der Erschaffung beweglicher
Figuren.
Zu den engagiertesten Vertreterinnen zeitgenössischer
Puppenkunst, auch und gerade in
Punkto "bewegliche Figuren", zählt die
Bielefelder Bildhauerin Sabine Vogel. Obwohl erst
36 Jahre jung, muss man doch schon 20 Jahre zurückgreifen,
um den Anfang ihrer
Gelenkfiguren näher zu beleuchten.
Zu Beginn der 80er Jahre des 20sten Jahrhunderts, eine
Formulierung, die in Anbetracht
der erfrischen Jugendlichkeit der Künstlerin recht
witzig klingt, ist die etwa zwölfjährige
Sabine bereits auf der Spur, die sie zu dem werden lässt,
was wir heute von ihr kennen und schätzen.

"Rufio" Porzellan, 14 Gelenke, 1992
"Sajapi" Modelliermasse, 10 Gelenke, 1983
Natürlich ist die Schülerin, wie auch Millionen
andere Mädchen in ihrem Alter, hingerissen
von Barbie, und natürlich verliebt auch sie sich
in die Helden ihrer Lieblingsfilme - nur, dass
Sabine ihrer Liebe zu den Figuren, die ihr Herz berühren,
auf ihre eigene Art Ausdruck
verleiht. Sie modelliert. Beim gemeinsamen Stöbern
in ihrer beeindruckenden Sammlung
früherer Arbeiten stoßen wir auf "Sajapi".
Und das ist wohl tatsächlich die erste selbst gefertigte
bewegliche Figur aus der Hand von Sabine Vogel.
Falls sich Ihnen die Gelegenheit bietet mal eine Hausausstellung
im Bielefelder Atelier zu
besuchen, sollten Sie sich auf keinen Fall den "abenteuerlichen
Exkurs" hinauf auf den
Dachboden entgehen lassen. Dort werden Sie "Sajapi"
finden, als Teil einer herrlichen
Ausstellung früher und frühster Werke. Nach
dem Besuch dieser Räume werden Sie
die in den unteren Etagen stehende Werkschau aktueller
Arbeiten sicher mit anderen Augen sehen.
Von "Sajapi" bis zu "beweglichen Figuren
aus Porzellan" war es noch ein weiter Weg.
Die grundlegende Motivation das geliebte Hobby zum Beruf
zu machen, ist wohl am
26. März 1988 erstmals erwacht, anlässlich
ihres Besuchs bei Madame Tussauds in London.
Ich fragte Sabine Vogel, was da genau passiert ist
und geistreich erklärte sie mir, dass sie
die Begegnung mit den so ungemein lebensecht gestalteten
Figuren glatt umgehauen hat und
sie sei mit dem festen Willen nach Hause gefahren, lebensechte
Figuren zu machen.
In den nächsten vier Jahren drehte sich alles
um Fachstudien zur Anatomie, die Verfeinerung
ihres Talentes zu Modellieren im Allgemeinen und das
Puppenmachen im Speziellen. Aus
dieser Zeit stammen unzählige Ideen, Zeichnungen
und Modelle, der erste Brennofen
wurde gekauft und sie entwickelte ihren Stil der Porzellanverarbeitung.
Damals wurde ihre Idee von "beweglichen Figuren
aus Porzellan" in die Tat umgesetzt.
Es entstand ein 15-teiliger Porzellankörper, dem,
mit 14 Gelenken ausgestattet, praktisch
jede Bewegung möglich ist, die unsere menschliche
Anatomie erlaubt.

"Aniba" Porzellan, 14 Gelenke, Ausführungsunikat
"Pada" Porzellan, 14 Gelenke, Unikat
Mit der Figur "Rufio" präsentierte sie
auf einem Hamburger Fachkongress im
Jahre 1992 erstmals ihr Konzept der Öffentlichkeit.
Dass der damals gerade 24-jährigen
Neuling damit die Juroren gleich dazu veranlasste, ihr
für diese Arbeit den ersten Preis für
die "beste Idee" zu verleihen, war für
die junge Künstlerin eine wichtige Bestätigung
der
innovativen Höhe ihrer Idee und eine Auslobung
mit großer motivierenden Kraft. In den
darauf folgenden zwölf Jahren war die kontinuierliche
Fortentwicklung ihrer Fertigkeiten
im Umgang mit den verschiedensten Materialien der Dreh-
und Angelpunkt ihres
beruflichen Engagements, was letztendlich auch in die
mutige Entscheidung mündete,
die Arbeit als freischaffende Künstlerin im Vollberuf
auszuüben.
Bedenkt man, dass jedes Stück Porzellan, jedes
Zubehörteil und jedes Gewand
von ihr selbst hergestellt wird, dann ist leicht vorstellbar,
dass hier auch voller Einsatz nötig ist.
Wie oben erwähnt, beruht die Beweglichkeit der
Porzellankörper darauf, dass sie an
den anatomisch passenden Positionen insgesamt mit 14
Gelenken ausgestattet
sind. Mit ihrem auch patentrechtlich abgesegneten Gelenkkonzept
kommt Sabine Vogel
völlig ohne zusätzliche Bauteile wie Kugeln,
Scheiben oder Stiftachsen aus. Sie fertigt
jedes Körperteil, das mit einer Gelenkzone ausgestattet
ist aus einem Stück Porzellan.
Allein weil das gebrannte Porzellan so hart ist, werden
die innerhalb der Gelenkzonen
aneinander liegenden Porzellanflächen durch passgenaue
Lederpolster geschützt.
"Auf den Ausstellungen passiert es immer wieder",
beginnt Sabine Vogel, "dass die Besucher
völlig erstaunt sind, wenn ich ihnen die Beweglichkeit
an den Figuren vorführe.