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_________ Der Nestreport __________
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Doran hatte es sich am frühen Nachmittag im Wohnzimmer, auf Sabines
schönem Sekretär aus Buchenholz mit vielen kleinen Schubladen
und Fächern gemütlich gemacht. Umgeben von zahlreichen alten,
teilweise arg zerfledderten und vergilbten Büchern jeder Größe. Der Dschinn blätterte interessiert in einem kleinen, in dunkelbraunes Leder mit Goldverzierung gebundenes Buch, mit dem Titel "Pranztillianien, Mythen, Legenden und wahre Geschichten aus dem Land in den Transkarpen." Das Kapitel, in dem Doran gerade las, schilderte, wie der Autor des Buches Sigismund Veritas behauptete, einige auf Tatsachen beruhende Legenden Pranztillianiens. Doran wollte eine Seite weiterblättern, da bemerkte er dass sich das Papier viel dicker anfühlte als das der andern Seiten. Als er sie näher betrachtete schien es so, als ob jemand zwei Seiten zusammengeklebt hätte. Doran überlegte einen Moment ob er es wagen konnte die Seiten zu trennen. Er musste sehr vorsichtig sein, nicht nur das solch alte Bücher sehr wertvoll waren, dieses Buch hatte der eigentliche Besitzer ihm nur sehr widerwillig und gegen das Versprechen ausgeliehen, dass er es wie ein rohes Ei behandeln würde. Außerdem hatte er darauf bestanden, es noch heute zurückzubekommen. Doran zögerte noch einen Augenblick, doch dann siegte seine Neugierde über die Angst vor dem, was Vladius ihm an den Kopf werfen würde, sollte er je erfahren, was der Dschinn mit einem seiner heiß geliebten Büchern angestellt hatte. Vorsichtig fasste er eine Ecke der Seiten und zog Millimeter für
Millimeter. Zum Glück war das Papier nur am äußeren Rand
verklebt und ließ sich, ohne dass es einriss, gut voneinander lösen. |
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Zwischen den dicht beschriebenen Seiten des Buches lag ein zusammengefaltetes
Stück Pergament mit schwarz angesengten Rändern, das aussah,
als ob es nur knapp dem Feuertod entkommen wäre. Dorans Herz hüpfte vor Aufregung als er das Blatt auffaltete, glatt strich und las was darauf in altertümlicher, verschnörkelter Handschrift stand. Das war es, wonach er die ganze Zeit gesucht hatte. |
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Der Dschinn hatte die unfassbare Geschichte inzwischen ein paar Mal gelesen und war sich seiner Sache ganz sicher. Er erinnerte sich noch all zu gut an die lange Zeit, die er in der Öllampe
eingesperrt war und ihm schauderte, allein bei dem Gedanken daran. |
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"Hallo Doran, was machst du hier drinnen...draußen scheint die Sonne.", sagte eine vertraute Stimme plötzlich dicht neben ihm und riss Doran aus seinen Gedanken. |
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Er war so sehr in den Text vertieft, dass er Manuel nicht bemerkt hatte, der zu ihm auf den Sekretär geklettert war. Manuel war ein Rumtreiber, der in letzter Zeit immer öfter im Nest
auftauchte und manchmal, besonders wenn das Wetter schlechter war, auch
gerne ein paar Tage blieb. Manuel strich sich das lange blonde Haar aus dem hübschen Gesicht
und setzte sich geschmeidig zu Doran auf die große, aufgeklappte
Jahresausgabe der Gartenlaube von 1909. Mit seinem jungenhaften
Lächeln und großen, blauen Augen, die schon so manches Herz
schmelzen ließen, schaute er Doran erwartungsvoll an. |
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Anstatt zu antworten, zeigte Doran ihm das lose Blatt. Manuel musterte es kurz und schaute ihn dann mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. "Hier steht, das es in einer sehr abgelegenen Gegend in Pranztillianien, ein Schloss mit einer Gruft gibt. Und in dieser Gruft liegt ein Graf, schon ein paar hundert Jahre lang.", eröffnete ihm Doran aufgeregt. "Und? Ich dachte immer es ist so üblich, dass adelige in der Gruft ihrer Schlösser beigesetzt werden." sagte Manuel und verstand nicht ganz, was daran so aufregend sein sollte. "Sicher, wenn sie tot sind. Aber hier handelt es sich um etwas ganz anderes, der Graf wurde lebendig, begraben!", erklärte Doran ernst. "Wie schrecklich!" Manuel schluckte trocken und wollte sich
lieber nicht vorstellen, wie das ist, lebendig begraben zu werden. "Ja, ich muß ihm helfen!" Entschlossen klappte Doran das Buch zu und drückte es dem verwundert schauenden Manuel, mitsamt dem losen Blatt, in die Hände. |
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"Ihm helfen? Wie meinst Du das? Selbst wenn er lebendig begraben wurde, muss er doch inzwischen tot sein. Es ist doch - wie du sagtest - ein paar hundert Jahre her... oder?" fragte Manuel verständnislos. "Ich erkläre dir das später, ich muss jetzt weg. Bitte
sei doch so nett und bring das Buch noch heute meinem Freund Vladius zurück,
er wartet darauf.
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Kaum hatte Manuel zustimmend genickt, löste sich Doran auch schon in grünen Rauch auf und war von einer zur anderen Sekunde verschwunden. Mit dem Buch und der losen Seite in den Händen, saß Manuel
da und starrte mit offenem Mund auf den leeren Fleck, wo Doran eben noch
gesessen hatte und auf dem jetzt nur noch die Bücher lagen, die er
auf dem Schoß gestapelt hatte. Manuel wusste das Doran ein echter
Dschinn war, aber er hatte noch nie gesehen wie er sich |
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Manuel setzte seinen Hut auf und seufzte. Er kannte Doran nun schon eine
ganze Weile, normalerweise verbrachte er seine Zeit damit, Sabine im Atelier
bei der Arbeit zuzusehen, Bücher zu lesen, oder er trieb sich draußen
in der Natur rum, um sich Blumen und Pflanzen anzuschauen. |
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Vorsichtig steckte er das Blatt, das Doran so in Aufregung versetzt hatte, zwischen die Seiten des Buches, damit es nicht verloren ging. |
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Entschlossen es hinter sich zu bringen und auch ein bisschen aus Neugierde,
wer Dorans neuer Freund war, machte sich Manuel auf den Weg um das Buch
wie versprochen zurückzubringen.
Manuel hatte das große Feld zur Hälfte durchquert, als die alte, windschiefe Hütte im Sichtfeld auftauchte. |
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Sie lag direkt am Waldrand und wurde beinahe von den dunklen Tannen und dichten Büschen dahinter verschluckt. Die Nachmittagssonne schien auf ein vermoostes, mit Holzschindeln bedecktes Dach und aus dem Schornstein kringelte sich ein dünner Rauchfaden. Die Hütte war so alt und verwittert, dass sie den Eindruck machte, der nächste Sturm könne sie hinwegfegen wie ein Kartenhaus. |
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Manuel erinnerte sich daran, dass ihm die Hütte auf seinen Wanderungen
schon öfter aufgefallen war, aber er hätte es nicht für
möglich gehalten, dass irgendjemand freiwillig in solch einer Bruchbude
wohnen wollte. Im Gegensatz zum schäbigen Eindruck der Behausung, wirkte der Vorgarten
sehr gepflegt. Eingerahmt von frisch gestutzten, kleinen Buchsbaumhecken,
lagen rechts und links des Weges mehrere neu angelegte Beete. Sie waren
akkurat mit den verschiedenen Blumen und Kräutern bepflanzt. Die
meisten davon hatte Manuel nie zuvor gesehen.
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Abspann
Der Nestreport berichtet über die wahren und aufrührenden
Begebenheiten in Vogelnest. Text und Bilder: ©Sabine Vogel |
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