Sabine Vogel `s Nest
 

 


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_________ Der Nestreport __________
Kapitel 2 ~ Die Entdeckung

Doran hatte es sich am frühen Nachmittag im Wohnzimmer, auf Sabines schönem Sekretär aus Buchenholz mit vielen kleinen Schubladen und Fächern gemütlich gemacht. Umgeben von zahlreichen alten, teilweise arg zerfledderten und vergilbten Büchern jeder Größe.
Diese trugen Titel wie "Aberglaube oder Tatsache" von Marie Tratschelbach, "Geschichten aus tausendundeiner Nacht" und "Sagenhaft!? Was dahinter steckt." von Mirolan Abraham.

Der Dschinn blätterte interessiert in einem kleinen, in dunkelbraunes Leder mit Goldverzierung gebundenes Buch, mit dem Titel "Pranztillianien, Mythen, Legenden und wahre Geschichten aus dem Land in den Transkarpen." Das Kapitel, in dem Doran gerade las, schilderte, wie der Autor des Buches Sigismund Veritas behauptete, einige auf Tatsachen beruhende Legenden Pranztillianiens. Doran wollte eine Seite weiterblättern, da bemerkte er dass sich das Papier viel dicker anfühlte als das der andern Seiten. Als er sie näher betrachtete schien es so, als ob jemand zwei Seiten zusammengeklebt hätte.

Doran überlegte einen Moment ob er es wagen konnte die Seiten zu trennen. Er musste sehr vorsichtig sein, nicht nur das solch alte Bücher sehr wertvoll waren, dieses Buch hatte der eigentliche Besitzer ihm nur sehr widerwillig und gegen das Versprechen ausgeliehen, dass er es wie ein rohes Ei behandeln würde. Außerdem hatte er darauf bestanden, es noch heute zurückzubekommen.

Doran zögerte noch einen Augenblick, doch dann siegte seine Neugierde über die Angst vor dem, was Vladius ihm an den Kopf werfen würde, sollte er je erfahren, was der Dschinn mit einem seiner heiß geliebten Büchern angestellt hatte.

Vorsichtig fasste er eine Ecke der Seiten und zog Millimeter für Millimeter. Zum Glück war das Papier nur am äußeren Rand verklebt und ließ sich, ohne dass es einriss, gut voneinander lösen.

 


Zwischen den dicht beschriebenen Seiten des Buches lag ein zusammengefaltetes Stück Pergament mit schwarz angesengten Rändern, das aussah, als ob es nur knapp dem Feuertod entkommen wäre.

Dorans Herz hüpfte vor Aufregung als er das Blatt auffaltete, glatt strich und las was darauf in altertümlicher, verschnörkelter Handschrift stand.

Das war es, wonach er die ganze Zeit gesucht hatte.


 

Der Dschinn hatte die unfassbare Geschichte inzwischen ein paar Mal gelesen und war sich seiner Sache ganz sicher.

Er erinnerte sich noch all zu gut an die lange Zeit, die er in der Öllampe eingesperrt war und ihm schauderte, allein bei dem Gedanken daran.
Niemand - wer auch immer - sollte so etwas erleiden müssen, nicht wenn er es verhindern konnte.

 


"Ein dunkles Schloss in
der Berge Tiefe.
Eine Kreatur des Bösen,
begierig der Menschen Lebenssaft.

Mit dem Pflock gebannt für alle Zeiten.
In der Gruft begraben und bewacht von der Menschen Kindeskinder.

Nicht tot noch lebendig,
zu ewiger Buße verdammt."


 

 

 

 

 

 

 

 

"Hallo Doran, was machst du hier drinnen...draußen scheint die Sonne.", sagte eine vertraute Stimme plötzlich dicht neben ihm und riss Doran aus seinen Gedanken.

 

Er war so sehr in den Text vertieft, dass er Manuel nicht bemerkt hatte, der zu ihm auf den Sekretär geklettert war.

Manuel war ein Rumtreiber, der in letzter Zeit immer öfter im Nest auftauchte und manchmal, besonders wenn das Wetter schlechter war, auch gerne ein paar Tage blieb.
Er zog seien langen, abgewetzten, dunkelbraun Ledermantel aus und legte den speckigen, alten Hut daneben. Seine braune, zerschlissene und teilweise geflickte Hose, die wahrhaftig schon bessere Zeiten gesehen hatte, steckt in ebenfalls braunen Stiefeln aus Reptilleder.

Über seinem verwaschen, ehemals weißen Hemd trug Manuel eine Weste, aus dunklem Samt und am Gürtel baumelte eine kleine Lederne Tasche mit Silberverschluss.

Doran mochte ihn, auch wenn viele Manuel für einen Nichtsnutz hielten, aber er hatte noch nie viel darauf gegeben was andere dachten, er bildete sich lieber seine eigene Meinung.

Manuel strich sich das lange blonde Haar aus dem hübschen Gesicht und setzte sich geschmeidig zu Doran auf die große, aufgeklappte Jahresausgabe der Gartenlaube von 1909. Mit seinem jungenhaften Lächeln und großen, blauen Augen, die schon so manches Herz schmelzen ließen, schaute er Doran erwartungsvoll an.
"Na, was treibst Du?"


Anstatt zu antworten, zeigte Doran ihm das lose Blatt.

Manuel musterte es kurz und schaute ihn dann mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an.

"Hier steht, das es in einer sehr abgelegenen Gegend in Pranztillianien, ein Schloss mit einer Gruft gibt. Und in dieser Gruft liegt ein Graf, schon ein paar hundert Jahre lang.", eröffnete ihm Doran aufgeregt.

"Und? Ich dachte immer es ist so üblich, dass adelige in der Gruft ihrer Schlösser beigesetzt werden." sagte Manuel und verstand nicht ganz, was daran so aufregend sein sollte.

"Sicher, wenn sie tot sind. Aber hier handelt es sich um etwas ganz anderes, der Graf wurde lebendig, begraben!", erklärte Doran ernst.

"Wie schrecklich!" Manuel schluckte trocken und wollte sich lieber nicht vorstellen, wie das ist, lebendig begraben zu werden.

"Ja, ich muß ihm helfen!" Entschlossen klappte Doran das Buch zu und drückte es dem verwundert schauenden Manuel, mitsamt dem losen Blatt, in die Hände.


 

"Ihm helfen? Wie meinst Du das? Selbst wenn er lebendig begraben wurde, muss er doch inzwischen tot sein. Es ist doch - wie du sagtest - ein paar hundert Jahre her... oder?" fragte Manuel verständnislos.

"Ich erkläre dir das später, ich muss jetzt weg. Bitte sei doch so nett und bring das Buch noch heute meinem Freund Vladius zurück, er wartet darauf.
Das ist... sehr wichtig! Er wohnt ein Stück neben dem kleinen Dorf, in der alten Hütte am Waldrand, hinter dem großen Feld. Versprichst du es... ja!? "



Kaum hatte Manuel zustimmend genickt, löste sich Doran auch schon in grünen Rauch auf und war von einer zur anderen Sekunde verschwunden.

Mit dem Buch und der losen Seite in den Händen, saß Manuel da und starrte mit offenem Mund auf den leeren Fleck, wo Doran eben noch gesessen hatte und auf dem jetzt nur noch die Bücher lagen, die er auf dem Schoß gestapelt hatte. Manuel wusste das Doran ein echter Dschinn war, aber er hatte noch nie gesehen wie er sich
- wegdingste -, ein anderes Wort viel ihm dafür nicht ein, "beamen" konnte man das nicht nennen, das sah in den Filmen immer ganz anders aus.

 

 

Manuel setzte seinen Hut auf und seufzte. Er kannte Doran nun schon eine ganze Weile, normalerweise verbrachte er seine Zeit damit, Sabine im Atelier bei der Arbeit zuzusehen, Bücher zu lesen, oder er trieb sich draußen in der Natur rum, um sich Blumen und Pflanzen anzuschauen.
So aufgeregt wie gerade eben, hatte Manuel ihn noch nie erlebt und er fragte sich, was es mit diesem Grafen auf sich hatte.


 

 

 

 

 

 

Vorsichtig steckte er das Blatt, das Doran so in Aufregung versetzt hatte, zwischen die Seiten des Buches, damit es nicht verloren ging.

 

 

 

 

Entschlossen es hinter sich zu bringen und auch ein bisschen aus Neugierde, wer Dorans neuer Freund war, machte sich Manuel auf den Weg um das Buch wie versprochen zurückzubringen.
Es schien sehr wertvoll zu sein.

Manuel kannte viele Leute aus dem kleinen Dorf unweit vom Vogelnest, aber ein Vladius war nicht dabei, noch hatte er je von jemandem mit solch einem merkwürdigen Namen gehört, er musste neu zugezogen sein.

 

 

 

Manuel hatte das große Feld zur Hälfte durchquert, als die alte, windschiefe Hütte im Sichtfeld auftauchte.

Sie lag direkt am Waldrand und wurde beinahe von den dunklen Tannen und dichten Büschen dahinter verschluckt. Die Nachmittagssonne schien auf ein vermoostes, mit Holzschindeln bedecktes Dach und aus dem Schornstein kringelte sich ein dünner Rauchfaden. Die Hütte war so alt und verwittert, dass sie den Eindruck machte, der nächste Sturm könne sie hinwegfegen wie ein Kartenhaus.

Manuel erinnerte sich daran, dass ihm die Hütte auf seinen Wanderungen schon öfter aufgefallen war, aber er hätte es nicht für möglich gehalten, dass irgendjemand freiwillig in solch einer Bruchbude wohnen wollte.

Manuel öffnete ein grün gestrichenes, schief in den Angeln hängendes Gartentor, das sich nur widerwillig quietschend in den Angeln bewegte. `Ein bisschen Öl würde da Wunder wirken´, dachte Manuel und verzog das Gesicht gequält, als das widerliche Geräusch beim Schließen des Tores abermals seine Ohren malträtierte.

Im Gegensatz zum schäbigen Eindruck der Behausung, wirkte der Vorgarten sehr gepflegt. Eingerahmt von frisch gestutzten, kleinen Buchsbaumhecken, lagen rechts und links des Weges mehrere neu angelegte Beete. Sie waren akkurat mit den verschiedenen Blumen und Kräutern bepflanzt. Die meisten davon hatte Manuel nie zuvor gesehen.
Manuel genoss den Duft der Blumen der in der Luft hing als er zwischen den Beeten hindurch auf die Hütte zuging.


Kaum hatte er die Tür der Hütte erreichte wurde sie
- noch bevor er den Klopfer betätigen konnte - ruckartig aufgestoßen und verfehlte Manuels Nase nur um eine Haaresbreite.

 

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Abspann

Der Nestreport berichtet über die wahren und aufrührenden Begebenheiten in Vogelnest.
Jede Ähnlichkeit der Personen, Charaktere und Namen im Nestreport mit lebenden, historischen oder anderen fiktiven Personen und Charakteren sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Text und Bilder: ©Sabine Vogel
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