Sabine Vogel `s Nest
 

 


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_________ Der Nestreport __________
Kapitel 3 ~ Unerwartete Begegnung

 

 

 

Kaum hatte Manuel die Tür der Hütte erreichte wurde sie
- noch bevor er den Klopfer betätigen konnte -
ruckartig aufgestoßen und verfehlte Manuels Nase nur um eine Haaresbreite.

Ihm gegenüber erschien ein schlanker Mann, Mitte vierzig, mit lagen, schwarzen, ungepflegten Haaren und ungewöhnlich blasser Hautfarbe.
Sein grünes Hemd hing lose über einer braun karierten, seit Jahren aus der Mode gekommenen Hose.

 

 

 

 

 

 

Nachdem seine ebenholzfarbenen Augen Manuel überrascht gemustert hatten, als habe er jemand anderen erwartet, legte sich ein äußerst abweisender Ausdruck auf sein Gesicht.

Dazu schwankte er leicht, so dass er sich, mit einer Hand Halt suchend, am Türrahmen festhalten musste.


´Total betrunken’, dachte Manuel zuerst, aber dann glitten seine Augen langsam tiefer, zu den Füßen seines Gegenübers und sein sonst so schönes Gesicht verzog sich vor Abscheu.

Unter den Säumen der Hosenbeine schauten keine Füße hervor, sondern eher so etwas wie zwei Pferdehufe, die in geschnürten, schwarzen Stiefeln steckten. Ein Hosenbein war hoch gerutscht und gab den Blick auf eine hässliche, klumpige Wölbung frei, die sich unter dem schwarzen Stiefelleder abzeichnete.

Manuels Gegenüber war dem Blick gefolgt, bückte sich mit einem leisen Knurren und schob das Hosenbein hastig an seinen Platz zurück.
Manuel wollte gerade etwas sagen, als sein Augenmerk plötzlich auf die Hand am Türrahmen fiel und dort hängen blieb.
Auf dem Handrücken prangte eine blaue Tätowierung, sie schien noch recht frisch und noch nicht ganz ausgeheilt zu sein.

Sie stellte zwei, von einem Muster eingefasste Zahlen dar.
Manuel, wie jeder andere auch, erkannte das Symbol auf Anhieb. Sein Herz machte einen erschreckten Hüpfer.

 

 

Jeder Strafgefangene, der aus der Haft entlassen wurde und
dessen Vergehen ein gewisses Maß überschritt, wurde mit diesem Zeichen für alle Zeit gebrandmarkt. Damit jeder sehen konnte, mit wem er es zu tun hatte.


Die zwei Zahlen gaben Auskunft über die Haftanstalt, in der der Ex-Häftling seine Strafe verbüßt hatte, und die Art der begangenen Straftat.

Manuels Magen zog sich zusammen. Er kannte die Bedeutung der beiden Zahlen:
Die Achtundsechzig war die Ziffer für Tief Tief , ein berüchtigtes Kerker-Gefängnis tief unter der Erde, in einem weit entfernten Land, das Manuel nur vom Hörensagen kannte.

Das erklärte auch die blasse Hautfarbe.
Die zweite Zahl jedoch beunruhigte Manuel weit mehr als die Tatsache, dass der Mann ihm gegenüber frisch aus der Haft entlassen war.

Denn die Elf stand für...

„...Verbrecher der übelsten Sorte!“

Ehe Manuel es verhindern konnte, waren ihm die Worte auch schon herausgerutscht; wenn auch nur ganz leise.
Gelähmt vor Schreck starrte Manuel die Hand an. Erst als sie ruckartig weggerissen wurde, erwachte er aus seiner Trance und trat hastig einen Schritt zurück.

Er schluckte trocken; und nachdem ihm klar war, wem er hier so unverhofft gegenüber stand, lief ihm ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter.

Wieso hatte Doran ihn nicht gewarnt und wie kam er dazu, diesen Ganoven als seinen Freund zu bezeichnen?
Hatte der Verbrecher den gutgläubigen Dschinn womöglich getäuscht? Manuel nahm sich fest vor, Doran über seinen Freund aufzuklären, wenn er ihn das nächste Mal sah.

 


 

 

 

 

Nur mühsam hob Manuel den Kopf und bemerkte, dass der
Mann ihn nun mit verkniffenen Lippen und kaltem Blick, ohne jegliche Gefühlsregung zu offenbaren, immer noch schweigend, aber lauernd ansah, als erwarte er weitere, abfällige Bemerkungen.

 

‚Er hat es gehört!’, dachte Manuel und sein Magen verkrampfte sich.

Fieberhaft überlegte er, wie er die verfahrene Situation retten könnte. Da fiel ihm ein, dass er ja eigentlich hier war, um das Buch zurückzubringen.

„Äh... Hallo... bin ich hier richtig bei... Vladius?
Mein Freund Doran hat mich gebeten, das Buch hier zurückbringen.“ sagte Manuel, versuchte ein Lächeln und hielt das Buch wie ein Schutzschild vor sich hin.

„Warum bringt Doran es nicht selbst zurück?“, fragte Vladius argwöhnisch.
„Und wieso hält er es für notwendig, dieses wertvolle Buch -“, er riss es Manuel aus den Händen und musterte ihn herablassend, von seinem speckigen Hut bis zu den ausgelatschten Stiefeln, „- einem heruntergekommenen Landstreicher anzuvertrauen?“

Manuel ignorierte die Beleidigung, auch wenn er spürte, wie ihm der Ärger eine leichte Röte ins Gesicht trieb.
Er wollte so schnell wie möglich fort.
„Er musste dringend weg“, sagte Manuel so schlicht und emotionslos wie möglich. Er verspürte keine Lust, diesem unsympathischen Finsterling Dorans Grafen-Geschichte zu erklären... zumal er sie ja selber nicht verstand.

 

 

 

Obwohl das nicht die Reaktion war, die er erwartet hatte, ließ Vladius sich seine Enttäuschung nicht anmerken. Stattdessen lehnte er sich mit dem Rücken an den Türrahmen und betrachtete das Buch.

Die lose Seite schaute deutlich zwischen den Anderen hervor. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich schlagartig - so weit das noch möglich war - und Manuel überlegte kurz, ob es an der Zeit sei, jetzt die Flucht zu ergreifen.

„Was -“, fragte Vladius gefährlich leise, „- soll das bedeuten?
Ich kann mich nicht erinnern, ein Buch mit losen Seiten verliehen zu haben.“

Seine Augen funkelten wütend und bohrten sich in jene Manuels.


 

 

 

 

 

Manuel hielt dem Blick stand und spürte aber, wie ihm die Wut
- und auch ein bisschen Furcht - den Schweiß auf die Stirn trieb.

„Keine Ahnung.“ Entgegnete er ruppig, strich sich eine Strähne seines langen, blonden Haares aus dem Gesicht und zuckte mit den Achseln.

 

 

„Doran hat mir das Buch samt der losen Seite in die Hand gedrückt und ist dann schnell weg. Vielleicht gehört sie ja gar nicht da rein. Ich habe ihm nur versprochen, es zurückzubringen. Und außerdem -“ , fügte Manuel lauter hinzu und ballte die Fäuste, weil er allmählich immer wütender wurde. „- wenn damit irgendwas nicht stimmt, dann mach das mit Doran aus.

Und wenn ich erfahren sollte, dass du meinem Freund, wegen diesem blöden Buch auch nur ein Haar krümmst, Knastbruder, dann wirst du mich kennen lernen, IST DAS KLAR!!“ die letzten Worte hatte Manuel laut gebrüllt.


 

 

 

„Ach... tatsächlich...“ grinste Vladius und flüsterte höhnisch, „...da hab ich jetzt aber Angst!“ Ihm schien das Ganze reichlich Spaß zu machen. Dann fuhr er mit zu Schlitzen verengten Augen fort. „Erstens; niemand hat das Recht, mich einfach so zu duzen, ein verlotterter Landstreicher schon gar nicht.
Und zweitens; wenn dieses Buch beschädigt ist, wird Doran dafür bez-“

Weiter kam er nicht. Manuels Faust schnellte vor und traf den völlig überrumpelten Vladius wie aus dem Nichts mit voller Wucht am Kinn. Er verdrehte die Augen, wurde bewusstlos und rutschte ganz langsam am Türrahmen herunter, während ihm ein dünnes Rinnsal Blut aus der Nase lief.

Manuel blickte erschrocken auf seine schmerzende Hand. Es war das erste Mal, dass ihn jemand so sehr zur Weißglut gebracht hatte, dass er die Kontrolle verlor und zuschlug. Er wusste auch nicht wie, aber ganz plötzlich hatte ihn eine Welle kalten Hasses überrollt und seine Faust war einfach nach vorne geschnellt.

‚Er hat es nicht besser verdient!’, sagte er sich und versuchte sein plötzlich aufkommendes, schlechtes Gewissen zu beruhigen. Jeder, der seinem Freund Doran Gewalt androhte, hätte es verdient. Nein, er brauchte wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben... ‚Oh Gott... ich habe gerade einen Schwerverbrecher KO geschlagen!’, durchfuhr es Manuel mit einem Male siedend heiß. 'Wenn der wieder aufwacht, bringt der mich um. Wer weiß, wie viele Menschen der schon auf dem Gewissen hat - da macht einer mehr oder weniger auch nichts aus!’

Vladius lag quer über der Türschwelle, das Buch immer noch in den Händen.
Manuels Neugierde, wie es wohl in der Hütte aussah, war jedoch noch größer als seine Angst.
Deshalb zog er die Tür weiter auf, trat einen Schritt über Vladius hinweg und sah sich in der Hütte um.

Sie bestand nur aus einem großen Raum von dem nur eine Tür, - vermutlich zum Bad - abging. Die gesamte Einrichtung wirkte wie aus dem Recycling-Müll der Großen zusammengesucht. Zwei übereinander gestapelte, kleine Obstkisten aus Holz ergaben den Tisch in der Mitte des Raumes. Daran stand eine Kaffeedose mit Gummideckel, auf der das Caro-Kaffee-Zeichen prangte, als Hocker.

In einer Ecke lag ein Stück Schaumstoff mit einem kleinen Kissen und einer ordentlich zusammengefalteten Decke darauf - wohl das Schlaflager. Als Ofen und Herd diente eine in Lehm und Steinen eingemauerte Blechbüchse, in der ein kleines Feuer prasselte und dem Raum eine angenehme Wärme verlieh.

Das einzige echte Möbelstück in passender Größe war ein hübscher Sekretär aus einem rötlich schimmernden Holz, neben dem Fenster. Auf ihm lagen ein paar Bücher - ähnlich demjenigen, das er soeben zurückgebracht hatte - lose Zettel, Schreibutensilien und ein bisschen Krimskrams.

Was Manuel am Meisten verblüffte, war die augenfällige Sauberkeit und Ordnung, die in dieser ärmlichen Behausung herrschte. Nachdem er wusste, wer hier hauste, hätte er eher krabbelnde Asseln oder sonstiges Ungeziefer und Dreck in den Ecken erwartet, aber nicht das. Es sah auch nicht so aus, als ob hier irgendwelches Diebesgut gehortet wurde. Selbst das Geschirr, bestehend aus Schraubdeckeln jeglicher Größe, Plastikbechern, Dosen und Pommesspießen als Besteck, lag aufgespült und sortiert in einem Regal aus aufgestapelten Pappschachteln. Sogar die zum Tisch umfunktionierte Holzkiste wurde von einer Decke geziert, die aus einem blauen Küchenwischtuch bestand.

‚Fehlt eigentlich nur noch eine Vase mit Blümchen,’ dachte Manuel grinsend und schüttelte verwundert den Kopf.

Ein leises Stöhnen hinter ihm riss Manuel aus seiner Betrachtung. Er wandte sich um und überlegte einen Moment, unschlüssig, darüber was er tun sollte. Vielleicht war es das Beste, wenn er schnell verschwand. Der widerliche Kerl würde schon irgendwann wieder zu sich kommen.
Aber er wollte ihn auch nicht so halb im Türrahmen liegen lassen. Vielleicht bestand ja die - wenn auch geringe - Möglichkeit die ganze Sache noch irgendwie zum Guten zu wenden.


.

 

 

 

 

Manuel fischte ihm vorsichtig das blöde Buch, das an allem schuld war, aus den Fingern, die es immer noch festhielten und legte es zum Bücherstapel auf den Sekretär.



Dann hockte er sich mit einem mulmigen Gefühl neben Vladius.


 

 

 

 

 

Als selbiger langsam wieder zu sich kam und stöhnend die Augen öffnete...

... kramte Manuel in seiner Manteltasche nach einem Taschentuch, tippte dem Verletzten vorsichtig auf die Schulter und reichte es ihm. Jedenfalls hatte er das vor, doch Vladius schlug seine Hand mit einem merkwürdigen, panikartigen Gesichtsausdruck weg und rutschte mit einem hastigen Satz außer Reichweite.


„Wagen Sie es nicht, mich noch einmal anzufassen!“, presste er mühsam hervor, als er sich wieder unter Kontrolle hatte und wischte sich mit zitternden Fingern das Blut vom Kinn.

„Ich wollte doch nur... -“

Mit pochendem Herzen hielt Manuel ihm das weiße Tuch hin.

Vladius entriss es ihm grimmig und drückte es unter die blutende Nase, ein „Verschwinden Sie!“, nuschelnd.

„Es... -“, stammelte Manuel verzweifelt und hielt inne. Wie entschuldigte man sich angemessen bei einem Verbrecher, den man soeben niedergeschlagen hatte? „Es tut mir leid, ich -„

„Verschwinden Sie... SOFORT!“ , fauchte Vladius und warf Manuel einem derart vernichtenden Blick zu, dass dieser es vorzog, sich auf der Stelle umzudrehen und mit Riesenschritten davon zu hasten. Dabei schwor er sich, um die Hütte und ihren Bewohner in Zukunft einen großen Bogen zu machen - oder besser gleich auszuwandern.

 

 

 

Als das Tor quietschend hinter Manuel ins Schloss fiel, betastete Vladius seine Nase und das schmerzende Kinn.

Im Stillen beglückwünschte er sich zu seinem neuen traurigen Rekord: Tatsächlich hatte er es jetzt innerhalb von höchstens fünf Minuten geschafft, jemanden so sehr gegen sich aufzubringen, dass dieser sogar zuschlug.

Dabei hatte er ihn gerade erst kennen gelernt; oder besser gesagt, kennen lernen können.

Er hatte es total vermasselt... wieder einmal.


Er zog die Knie an und lehnte sich leise seufzend an den Türrahmen.
Nachdenklich betrachtete Vladius seine karierte Hose und das fadenscheinige Hemd. Im Moment sah er auch nicht besser aus als ein Landstreicher. Aber er konnte hier ja schlecht in den gestreiften Gefängnis-Sachen rumlaufen, die er in den vergangenen Jahren getragen hatte.

Dann würde alle sofort die Flucht vor ihm ergreifen und nicht erst, wenn sie sein neues Tattoo sahen.
Sein ganzes Erscheinungsbild hatte sowieso noch nie dazu beigetragen, einen positiven ersten Eindruck zu erwecken.
Die vergangene Zeit im Gefängnis hatte nicht gerade geholfen ihn angenehmer wirken zu lassen, im Gegenteil.

Das kleine Dorf hinter dem Feld war jetzt schon das Dritte.
Aus den beiden Ersten war er schon nach kürzester Zeit ausgewiesen worden. Wenn er sich noch einmal Ärger einfing, hätte er mit ernsten Konsequenzen zu rechnen; im schlimmsten Fall würden sie ihn wieder ins Gefängnis werfen.

Er hatte es nur dem Bürgermeister zu verdanken, dass er noch eine Chance bekam und in dieser Hütte wohnen durfte.
Der merkwürdige Doran hatte ihm die Spezialstiefel für einen mehr als günstigen Preis besorgt. Es waren zwar sämtliche seiner Bekleidungsgutscheine dafür draufgegangen, aber das waren ihm die Stiefel wert. So musste er seine Füße nicht mehr mit Lumpen umwickeln, um überhaupt laufen zu können. Sie passten wie angegossen und er konnte - nur auf einen Stab gestützt - sogar weitere Strecken, beinahe schmerzfrei bewältigen.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Spaziergang durch die Natur gemacht.

 



 

 

 

Vladius drehte das blutige Tuch, faltete es neu zusammen und presste es wieder unter die Nase.

Er hoffte, dass er es sich mit Doran nicht verscherzt hatte, weil er sich dessen Freund gegenüber so unhöflich verhalten hatte und fragte sich, wohin Doran wohl so schnell musste.

~*~

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Abspann

Der Nestreport berichtet über die wahren und aufrührenden Begebenheiten in Vogelnest.
Jede Ähnlichkeit der Personen, Charaktere und Namen im Nestreport mit lebenden, historischen oder anderen fiktiven Personen und Charakteren sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Text und Bilder: ©Sabine Vogel
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