Sabine Vogel `s Nest
 

 


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_________ Der Nestreport __________
Kapitel 5 ~ Nur für Touristen?

Von der Dunkelheit verborgen schlich Doran durch enge Gassen zwischen windschiefen Häusern eines kleinen, tief in den verschneiten Wäldern Pranztillianiens versteckt liegenden Dorfes. Die meisten Bewohner schliefen zu dieser vorgerückten Stunde schon. Nur vereinzelt drangen warme Lichtschimmer durch die Schlitze der Fensterläden in die frostig kalte Nacht hinaus.

In einiger Entfernung von den Häusern ragten die spitzen Zinnen eines imposanten Schlosses über die schneebedeckten Wipfel der hohen Bäume und zeichneten sich unheimlich vor dem nächtlichen Sternenhimmel ab.
Doran stapfte mühsam darauf zu, denn abseits des Weges lag der Schnee zwischen den Bäumen recht hoch. Den Weg vom Dorf zum Schloss wollte er nicht benutzen - man konnte ja nicht wissen, ob nicht doch noch jemand unterwegs war. Denn bei einem solchen Vorhaben beobachtet zu werden, wäre schlicht verhängnisvoll...

Die Umrisse des Schlosses schälten sich langsam aus der Dunkelheit. Furchterregende Drachenköpfe verzierten die Steinsäulen neben einem martialisch anmutenden Eingangsportal.

 

Ein mit Nägeln beschlagenes Tor aus dickem Eichenholz versperrte dem nächtlichen Besucher den Weg. Daneben bemerkte Doran ein nagelneues Schild an der Wand und betrachtete es neugierig.

Öffnungszeiten
Ab Sommer 2008
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.
Führungen um 11 und 15 Uhr, auf Anmeldung.
Gruppenrabatte ab 20 Personen.
Montags geschlossen.

Offensichtlich wollte man aus dem Schloss eine Touristenattraktion machen.

‚In einer derart abgelegenen Gegend', dachte Doran kopfschüttelnd, ‚Wenn alle so große Probleme haben wie ich, das Schloss zu finden, werden sich wohl kaum Leute hierher verirren.'

Er überlegte kurz, ob er über die Mauer klettern sollte, entschied sich dann aber dagegen und verrauchte in bester Dschinn-Manier, um sich als dünner, grüner Rauchfaden durch das Schlüsselloch zu schlängeln. Im Innenhof des Schlosses nahm er wieder Gestalt an und sah sich aufmerksam um.

Die Mauern des mächtigen Gebäudes wurden vom fahlen Mondlicht erhellt. Nicht weit von ihm stand eine Hinweistafel mit einem Lageplan des Schlosses und daneben ein Pfahl mit Schildern, die in alle Richtungen zeigten. Er musste den Eingang zur Gruft finden, um den Grafen zu retten.
Unter dem Pfeil, der die Richtung zu den Toiletten wies, fand sich der Wegweiser zur "Vampirgruft".

 

 

Doran folgte ihm und gelangte in einen etwas abseits gelegenen Innenhof des Schlosses, an dessen hinterer Seite ein schmiedeeisernes Tor in die Mauer eingelassen war.

Doran drückte versuchsweise die Klinke herunter und zu seiner Überraschung öffnete sie sich problemlos.
Als er die Stufen ins Dunkel der Gruft herabstieg, drang ihm ein Hauch kalter, feuchter Luft entgegen und ließ ihn frösteln.

Am Ende der Treppe gelangte Doran in einen kleinen, unterirdischen Raum. Durch die schmalen Schlitze, die sich im oberen Teil der Wand zum Innenhof befanden, schien der Mond herein und tauchte den steinernen Sarg in der Mitte des Raums in ein gespenstisches Licht.
Doran lief einen eisiger Schauer den Rücken herunter und am liebsten wäre er weggelaufen. Doch wo er nun schon mal so weit gekommen war, wollte er nicht aus Angst vor seiner eigenen Courage oder diesem unheimlichen Ort aufgeben.

Mit etwas wackeligen Knien trat er näher an den Sarg heran.
An der Längsseite war eine kleine Tafel angebracht.
Doran beugte sich hinunter, um sie in dem schwachen Licht besser lesen zu können.
Darauf stand:

Achtung!
In diesem Sarg liegt der gefürchtete Vampir:
Graf Morgula!
1408 - 1448
Gepfählt im Jahre - 1875
von Abraham von Katzenberg,
dem berühmten Vampirjäger!

Das Fotografieren ist nicht gestattet!
Ansichtskarten erhalten Sie am Verkaufsstand gegenüber der Information.

Doran schaute verwundert. Für gewöhnlich bestand die Inschrift auf Gräbern nur aus zwei Zahlen: Dem Datum der Geburt... und des Todes. Aber was es mit der Dritten auf sich hatte und was ein Vampir sein sollte, konnte sich Doran nicht erklären. Das wurde in dem Buch von Vladius zwar auch erwähnt, aber was ein Vampir denn nun genau war, stand nicht näher beschrieben. Wahrscheinlich wurden über Vampire genau so viel Märchen erfunden, wie über Dschinn und das nur, weil sie eben ein bisschen anders waren. Und sich vermutlich mal wieder niemand die Mühe machte, sie näher kennen zu lernen.

Soweit er die Geschichte verstanden hatte, war der Graf keinesfalls tot, sondern eher wie in einen tiefen Schlaf gefallen, durch einen Pflock in diesen Sarg gebannt. Vielleicht war er einer bösen Intrige zum Opfer gefallen, wie er selbst einst, als man ihn in die Öllampe sperrte? Doran schnaubte wütend. Es war an der Zeit, hier und jetzt für Gerechtigkeit zu sorgen.

Mit aller Kraft schob er den steinernen Sargdeckel zur Seite. Er bewegte sich nur widerwillig, ein schreckliches Kratzen von Stein auf Stein erfüllte den Raum und hallte laut von den Wänden wider. Doran hoffte inständig, dass es hier keinen Nachtwächter gab - und wenn doch, dann dass er sich im Moment nicht in Hörweite aufhielt. Doran lauschte eine Weile angespannt, aber zum Glück blieb alles still.

Mit klopfendem Herzen beugte sich Doran über den Rand des Sarges und blickte hinein. Im Mondlicht konnte er die Konturen eines Menschen erkennen, aus dessen Brust, etwa da wo das Herz saß, ein silbern schimmernder Pflock ragte.
Doran überlegte kurz, ob er den Pflock einfach rausziehen sollte.


 

 

Eigentlich sprach nichts dagegen!
‚Je eher, desto besser!' Dachte er sich und griff mit beiden Händen zu.

Mit einem Ruck löste sich der Pflock und weil Doran nicht damit gerechnet hatte, verlor er das Gleichgewicht, stolperte nach hinten und landete unsanft auf dem Hosenboden.

Mit dem Pflock in der Hand und angehaltenem Atem saß er da und wartete auf eine Regung aus dem Inneren des Sarges. Doch weder war ein Laut zu hören, noch geschah sonst irgendwas - ‚Komisch!' dachte Doran.
Er legte den Pflock beiseite, rappelte sich von Boden auf, rieb sich das schmerzende Hinterteil und trat neugierig näher, um sich die Sache genauer anzusehen. Der Körper im Sarg hatte sich nicht bewegt, er lag immer noch genauso da wie vorher und es war einfach viel zu dunkel, um mehr sehen zu können.

‚Wenn ich nichts sehen kann, dann muss ich eben fühlen!'
Vorsichtig streckte Doran eine Hand aus, er berührte Kleidung, etwas Samtiges und etwas, dass sich wie ein Umhang anfühlte. Er ließ seine Hand weiter wandern. Da war ein Hemd und Doran ertastete Rüschen.

Dann rutschte sein Finger plötzlich tief in ein Loch. Erschrocken und mit bis zum Hals klopfendem Herzen zog Doran die Hand zurück. Da musste der Pflock gesteckt haben.
Plötzlich beschlich Doran das merkwürdige Gefühl, dass hier irgendwas ganz und gar nicht stimmte - aber was?

 

Das Loch!
Mit leicht zitternder Hand fasste er noch einmal hin; biss sich vor Aufregung auf die Unterlippe und steckte seine Finger tief in das Loch. Nichts... er fühlte nichts, als ob der ganze Graf innen hohl wäre.

Als er den Finger ein wenig krümmte, konnte er die raue Innenseite des Brustkorbes fühlen. Das Loch war kreisrund hineingesägt worden. Mit der Fingerspitze fuhr Doran vorsichtig über die scharfzackigen Kanten des Randes und klopfte dann mit dem Fingerknöchel von außen auf die Brust. Ein dumpfer, hohler Ton erklang. Doran schluckte trocken, als ihm bewusst wurde, dass das, was da vor ihm im Sarg lag, nichts weiter war als...

‚...eine Puppe!'

Verwirrt wischte sich Doran den kalten Schweiß von der Stirn, trat ein paar Schritte zur Seite und ließ sich, die Kälte ignorierend, im Schneidersitz auf dem feuchten Steinboden nieder.

Hatten die Pranztillanier die ganze Geschichte nur erfunden, um Touristen anzulocken? Er war sich so sicher gewesen, dass die Legende der Wahrheit entsprach. Das Buch und die lose Seite konnten doch keine Fälschung sein. Das Einzige, das hier ganz sicher falsch war, war diese blöde Puppe! Doran ärgerte sich. Wie hatte er nur auf so einen dummen Trick reinfallen können? Eine ganze Weile zwirbelte er seinen langen Zopf um die Finger und dachte angestrengt nach.

Wenn es den Grafen tatsächlich gab - und Doran zweifelte nicht daran - dann würden diejenigen, die ihn damals mit dem Pflock gebannt hatten, auch dafür gesorgt haben, dass es so bliebe.
Die Gruft, die auf dem versteckten Pergament beschrieben wurde, war bestimmt nicht ohne weiteres zugänglich. Doran vermutete, dass sie gut versteckt lag. So gut versteckt, dass sie niemand entdecken würde, der nicht ganz genau wusste, wo sie sich befand - es sei denn, der Suchende wäre ein Dschinn.


Mit einem siegessicheren Lächeln stand Doran auf, schloss die Augen und breitete die Arme aus. Alles, was existierte, alle Materie, jedes Wesen, wurde von einer einzigartigen Schwingung umgeben.
Doran bewegte sich bedächtig durch den Raum, die Augen fest geschlossen. Er konnte alles um sich herum fühlen. Die Schwingungen der Wände, des Bodens, der Decke sowie des Sarges, allesamt aus Stein, fühlten sich sehr dicht und dumpf an. Langsam, Schritt für Schritt, ging er an der Wand entlang.

Da... kurz vor der Ecke veränderte sich etwas. Er spürte eine ganz andere, kaum wahrnehmbare Schwingung, die eindeutig nicht vom Stein herrührte. Ein träges Pochen, gepaart mit unendlicher Verzweiflung, schienen direkt aus der Wand zu dringen. Suchend tastete Doran mit seinen Fingerkuppen über die raue Oberfläche der Steine. Vielleicht konnte er eine verborgene Tür finden, oder einen Mechanismus, um die Wand zu öffnen. Nach einer Weile fand er einen kleinen, glatten, knopfartigen Vorsprung, der aus einer Fuge herausragte. Ohne zu zögern drückte Doran darauf.

Mit einem lauten Rumpeln setzte sich plötzlich die ganze Wand in Bewegung und gab dem staunenden Dschinn den Weg in einen angrenzenden, zweiten Raum frei. Dieser schien die exakte Kopie des ersten Raumes zu sein. Auch in ihm befand sich ein steinerner Sarg mit Abdeckplatte. Alles war über und über mit Staub und Spinnweben bedeckt und der muffige Geruch von abgestandener Luft drang Doran in die Nase.

Gerade als Doran einen Schritt vorwärts machen wollte, leuchtete der Schein einer draußen vorbeischaukelnden Laterne durch die Schlitze in der Außenmauer und ließ Lichtstreifen wie suchende Finger über den Fußboden gleiten. Das musste der Nachtwächter sein - sicher hatte dieser den ganzen Krach, den er hier veranstaltete, gehört und würde gleich die offene Tür sehen.

Ohne noch lange darüber nachzudenken hechtete Doran zum Sarg. Anschließend schob er den Deckel mit solcher Kraft zu Seite, dass er herunterfiel, mit lautem Getöse auf den Boden krachte und in tausend Stücke zerbrach. Dann griff er mit beiden Armen unter den echten Grafen und hob ihn aus dem Sarg.

Er war erstaunlich leicht. Die Arme und Beine baumelten schlaff herunter und der Pflock, der aus der Brust des Grafen ragte, stieß schmerzhaft gegen Dorans Rippen. Dennoch presste ihn der Dschinn beschützend an sich. Die schlurfenden Schritte des Nachtwächters hallten unheilvoll durch die Dunkelheit, Stufe für Stufe näherte er sich dem geheimen Versteck. Keine Sekunde zu früh und mit klopfendem Herzen drückte sich Doran in eine Nische neben der Treppe. Ein alter Mann mit grauem Kittel und Schirmmütze erreichte die letzte Stufe, hielt seine Laterne mit der flackernden Kerze darin hoch, leuchtete in die Runde - und riss angesichts des Durcheinanders, das er erblickte, erschrocken die Augen auf.

"Hallo... ist da jemand?" fiepte er mit vor Angst bebender Stimme.

Doran überlegte keine Sekunde länger, sondern nutzte die Gelegenheit.

‚Jetzt oder nie!' Dachte der Dschinn und sprang aus seinem Versteck, rempelte den vor Schreck erstarrten Mann zur Seite und rannte - so schnell dies mit dem Grafen auf den Armen möglich war - die Stufen hoch. Oben angekommen blickte er sich hektisch um. Von unten, aus der Tiefe der Gruft, hörte er die sich überschlagende Stimme des Nachtwächters, der sich offenbar wieder gefasst und die Verfolgung aufgenommen hatte.
Was Doran jetzt brauchte, war ein Platz, an dem er sich konzentrieren und mit dem Grafen zusammen verrauchen konnte. Darin hatte er nämlich nicht viel Übung... und mit einem zeternden alten Mann im Rücken würde das bestimmt nicht klappen. Sein Blick fiel auf eine Tür gegenüber, sie führte vermutlich ins Schloss und stand glücklicherweise weit offen.

 

 

 

 

 

Doran rannte darauf zu und hindurch, woraufhin er sich in einem Treppenhaus wieder fand.

Er hetzte weiter die Stufen hinauf, durch einige Flügeltüren und landete schließlich in einer kleinen Bibliothek.

Das Holz schwarz polierter Möbel glänzte im Mondlicht, das durch hohe, bleiverglaste Fenster hereinfiel.
Kostbare Teppiche bedeckten den Boden, die Wände waren gesäumt von Bücherregalen. Eine Seite des Raumes wurde von einem prächtigen Kamin eingenommen, in dem ein leise knisterndes Feuer brannte. Es schien erst vor kurzem angezündet worden zu sein.

Der Raum wurde von einem schmalen Läufer geteilt, der rechts und links von Absperrseilen flankiert wurde. Sie waren an hüfthohen Metallstangen befestigt, damit die Besucher des Schlosses der wertvollen Einrichtung nicht zu nahe kamen.

 

 

 

 

 

Vom Hof unten drangen jäh laute Stimmen herauf und rissen Doran aus seinen Betrachtungen. Vorsichtig setzte er den Grafen in einen Lehnstuhl vor dem Kamin.



 

 

Dann trat er ans Fenster, hauchte gegen die vereiste Scheibe, kratzte mit dem Finger ein kleines Loch in die glitzernden Kristalle und hatte so einen guten Blick hinunter in den Innenhof.

Von überall her kamen Menschen mit Fackeln in den Händen angerannt. Er sah den Nachtwächter von einem halben Dutzend Männern umringt und wild gestikulierend im Hof stehen.

 

Der tiefe Klang einer Glocke drang unvermittelt aus einem der hohen Türme des Schlosses durch die Nacht und erschreckte Doran. Kurz darauf wurde er vom hellen Bimmeln ihrer Schwester in der Kirche des Dorfes begleitet und riss die bis dahin friedlich schlummernden Pranztillianer aus dem Schlaf.
In der Ferne konnte Doran die kleinen Häuser sehen. In einem Fenster nach dem Anderen flammte Licht auf und in kürzester Zeit war das ganze Dorf auf den Beinen.
Es war höchste Zeit sich aus dem Staub zu machen - doch leichter gesagt als getan!

Als er den Entschluss gefasst hatte, den Grafen zu retten, hatte er nicht darüber nachgedacht, wie er mit ihm nach Hause kommen sollte. Bisher hatte Doran nie eine Person mitgenommen, wenn er von Ort zu Ort rauchte.
Besorgt sah er zu, wie sich die auf mittlerweile über zwanzig Mann angewachsene Meute auflöste und der Schein der Fackeln in alle Richtungen entschwand. Schlimmer noch: Ein paar von ihnen kamen genau auf die Tür zu, durch die er vorhin geflüchtet war.
Es würde nicht lange dauern, bis sie ihn hier entdeckten - langsam aber sicher wurde ihm schlecht!

~ * ~

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Abspann

Der Nestreport berichtet über die wahren und aufrührenden Begebenheiten in Vogelnest.
Jede Ähnlichkeit der Personen, Charaktere und Namen im Nestreport mit lebenden, historischen oder anderen fiktiven Personen und Charakteren sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Text und Bilder: ©Sabine Vogel
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