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_________ Der Nestreport __________
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Von der Dunkelheit verborgen schlich Doran durch enge Gassen zwischen windschiefen Häusern eines kleinen, tief in den verschneiten Wäldern Pranztillianiens versteckt liegenden Dorfes. Die meisten Bewohner schliefen zu dieser vorgerückten Stunde schon. Nur vereinzelt drangen warme Lichtschimmer durch die Schlitze der Fensterläden in die frostig kalte Nacht hinaus. |
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In einiger Entfernung von den Häusern ragten die spitzen Zinnen
eines imposanten Schlosses über die schneebedeckten Wipfel der hohen
Bäume und zeichneten sich unheimlich vor dem nächtlichen Sternenhimmel
ab. Die Umrisse des Schlosses schälten sich langsam aus der Dunkelheit. Furchterregende Drachenköpfe verzierten die Steinsäulen neben einem martialisch anmutenden Eingangsportal. |
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Ein mit Nägeln beschlagenes Tor aus dickem Eichenholz versperrte dem nächtlichen Besucher den Weg. Daneben bemerkte Doran ein nagelneues Schild an der Wand und betrachtete es neugierig. Öffnungszeiten Offensichtlich wollte man aus dem Schloss eine Touristenattraktion machen. |
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In einer derart abgelegenen Gegend', dachte Doran kopfschüttelnd,
Wenn alle so große Probleme haben wie ich, das Schloss zu
finden, werden sich wohl kaum Leute hierher verirren.' |
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Doran folgte ihm und gelangte in einen etwas abseits gelegenen Innenhof
des Schlosses, an dessen hinterer Seite ein schmiedeeisernes Tor in die
Mauer eingelassen war. Doran drückte versuchsweise die Klinke herunter und zu seiner Überraschung
öffnete sie sich problemlos. |
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Am Ende der Treppe gelangte Doran in einen kleinen, unterirdischen Raum.
Durch die schmalen Schlitze, die sich im oberen Teil der Wand zum Innenhof
befanden, schien der Mond herein und tauchte den steinernen Sarg in der
Mitte des Raums in ein gespenstisches Licht. Achtung! Das Fotografieren ist nicht gestattet! Doran schaute verwundert. Für gewöhnlich bestand die Inschrift auf Gräbern nur aus zwei Zahlen: Dem Datum der Geburt... und des Todes. Aber was es mit der Dritten auf sich hatte und was ein Vampir sein sollte, konnte sich Doran nicht erklären. Das wurde in dem Buch von Vladius zwar auch erwähnt, aber was ein Vampir denn nun genau war, stand nicht näher beschrieben. Wahrscheinlich wurden über Vampire genau so viel Märchen erfunden, wie über Dschinn und das nur, weil sie eben ein bisschen anders waren. Und sich vermutlich mal wieder niemand die Mühe machte, sie näher kennen zu lernen. Soweit er die Geschichte verstanden hatte, war der Graf keinesfalls tot, sondern eher wie in einen tiefen Schlaf gefallen, durch einen Pflock in diesen Sarg gebannt. Vielleicht war er einer bösen Intrige zum Opfer gefallen, wie er selbst einst, als man ihn in die Öllampe sperrte? Doran schnaubte wütend. Es war an der Zeit, hier und jetzt für Gerechtigkeit zu sorgen. Mit aller Kraft schob er den steinernen Sargdeckel zur Seite. Er bewegte sich nur widerwillig, ein schreckliches Kratzen von Stein auf Stein erfüllte den Raum und hallte laut von den Wänden wider. Doran hoffte inständig, dass es hier keinen Nachtwächter gab - und wenn doch, dann dass er sich im Moment nicht in Hörweite aufhielt. Doran lauschte eine Weile angespannt, aber zum Glück blieb alles still. Mit klopfendem Herzen beugte sich Doran über den Rand des Sarges
und blickte hinein. Im Mondlicht konnte er die Konturen eines Menschen
erkennen, aus dessen Brust, etwa da wo das Herz saß, ein silbern
schimmernder Pflock ragte. |
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Eigentlich sprach nichts dagegen! |
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Mit einem Ruck löste sich der Pflock und weil Doran nicht damit gerechnet hatte, verlor er das Gleichgewicht, stolperte nach hinten und landete unsanft auf dem Hosenboden. Mit dem Pflock in der Hand und angehaltenem Atem saß er da und
wartete auf eine Regung aus dem Inneren des Sarges. Doch weder war ein
Laut zu hören, noch geschah sonst irgendwas - Komisch!' dachte
Doran. |
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Wenn ich nichts sehen kann, dann muss ich eben fühlen!' Dann rutschte sein Finger plötzlich tief in ein Loch. Erschrocken
und mit bis zum Hals klopfendem Herzen zog Doran die Hand zurück.
Da musste der Pflock gesteckt haben.
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Das Loch! Als er den Finger ein wenig krümmte, konnte er die raue Innenseite des Brustkorbes fühlen. Das Loch war kreisrund hineingesägt worden. Mit der Fingerspitze fuhr Doran vorsichtig über die scharfzackigen Kanten des Randes und klopfte dann mit dem Fingerknöchel von außen auf die Brust. Ein dumpfer, hohler Ton erklang. Doran schluckte trocken, als ihm bewusst wurde, dass das, was da vor ihm im Sarg lag, nichts weiter war als... ...eine Puppe!' Verwirrt wischte sich Doran den kalten Schweiß von der Stirn, trat ein paar Schritte zur Seite und ließ sich, die Kälte ignorierend, im Schneidersitz auf dem feuchten Steinboden nieder. Hatten die Pranztillanier die ganze Geschichte nur erfunden, um Touristen anzulocken? Er war sich so sicher gewesen, dass die Legende der Wahrheit entsprach. Das Buch und die lose Seite konnten doch keine Fälschung sein. Das Einzige, das hier ganz sicher falsch war, war diese blöde Puppe! Doran ärgerte sich. Wie hatte er nur auf so einen dummen Trick reinfallen können? Eine ganze Weile zwirbelte er seinen langen Zopf um die Finger und dachte angestrengt nach. Wenn es den Grafen tatsächlich gab - und Doran zweifelte nicht daran
- dann würden diejenigen, die ihn damals mit dem Pflock gebannt hatten,
auch dafür gesorgt haben, dass es so bliebe.
Da... kurz vor der Ecke veränderte sich etwas. Er spürte eine
ganz andere, kaum wahrnehmbare Schwingung, die eindeutig nicht vom Stein
herrührte. Ein träges Pochen, gepaart mit unendlicher Verzweiflung,
schienen direkt aus der Wand zu dringen. Suchend tastete Doran mit seinen
Fingerkuppen über die raue Oberfläche der Steine. Vielleicht
konnte er eine verborgene Tür finden, oder einen Mechanismus, um
die Wand zu öffnen. Nach einer Weile fand er einen kleinen, glatten,
knopfartigen Vorsprung, der aus einer Fuge herausragte. Ohne zu zögern
drückte Doran darauf. Gerade als Doran einen Schritt vorwärts machen wollte, leuchtete der Schein einer draußen vorbeischaukelnden Laterne durch die Schlitze in der Außenmauer und ließ Lichtstreifen wie suchende Finger über den Fußboden gleiten. Das musste der Nachtwächter sein - sicher hatte dieser den ganzen Krach, den er hier veranstaltete, gehört und würde gleich die offene Tür sehen. Ohne noch lange darüber nachzudenken hechtete Doran zum Sarg. Anschließend schob er den Deckel mit solcher Kraft zu Seite, dass er herunterfiel, mit lautem Getöse auf den Boden krachte und in tausend Stücke zerbrach. Dann griff er mit beiden Armen unter den echten Grafen und hob ihn aus dem Sarg. Er war erstaunlich leicht. Die Arme und Beine baumelten schlaff herunter und der Pflock, der aus der Brust des Grafen ragte, stieß schmerzhaft gegen Dorans Rippen. Dennoch presste ihn der Dschinn beschützend an sich. Die schlurfenden Schritte des Nachtwächters hallten unheilvoll durch die Dunkelheit, Stufe für Stufe näherte er sich dem geheimen Versteck. Keine Sekunde zu früh und mit klopfendem Herzen drückte sich Doran in eine Nische neben der Treppe. Ein alter Mann mit grauem Kittel und Schirmmütze erreichte die letzte Stufe, hielt seine Laterne mit der flackernden Kerze darin hoch, leuchtete in die Runde - und riss angesichts des Durcheinanders, das er erblickte, erschrocken die Augen auf. "Hallo... ist da jemand?" fiepte er mit vor Angst bebender Stimme. Doran überlegte keine Sekunde länger, sondern nutzte die Gelegenheit. Jetzt oder nie!' Dachte der Dschinn und sprang aus seinem Versteck,
rempelte den vor Schreck erstarrten Mann zur Seite und rannte - so schnell
dies mit dem Grafen auf den Armen möglich war - die Stufen hoch.
Oben angekommen blickte er sich hektisch um. Von unten, aus der Tiefe
der Gruft, hörte er die sich überschlagende Stimme des Nachtwächters,
der sich offenbar wieder gefasst und die Verfolgung aufgenommen hatte. |
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Doran rannte darauf zu und hindurch, woraufhin er sich in einem Treppenhaus wieder fand. Er hetzte weiter die Stufen hinauf, durch einige Flügeltüren und landete schließlich in einer kleinen Bibliothek. |
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Das Holz schwarz polierter Möbel glänzte im Mondlicht, das
durch hohe, bleiverglaste Fenster hereinfiel. |
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Vom Hof unten drangen jäh laute Stimmen herauf und rissen Doran aus seinen Betrachtungen. Vorsichtig setzte er den Grafen in einen Lehnstuhl vor dem Kamin.
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Dann trat er ans Fenster, hauchte gegen die vereiste Scheibe, kratzte mit dem Finger ein kleines Loch in die glitzernden Kristalle und hatte so einen guten Blick hinunter in den Innenhof. Von überall her kamen Menschen mit Fackeln in den Händen angerannt. Er sah den Nachtwächter von einem halben Dutzend Männern umringt und wild gestikulierend im Hof stehen.
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Der tiefe Klang einer Glocke drang unvermittelt aus einem der hohen Türme
des Schlosses durch die Nacht und erschreckte Doran. Kurz darauf wurde
er vom hellen Bimmeln ihrer Schwester in der Kirche des Dorfes begleitet
und riss die bis dahin friedlich schlummernden Pranztillianer aus dem
Schlaf. Als er den Entschluss gefasst hatte, den Grafen zu retten, hatte er nicht
darüber nachgedacht, wie er mit ihm nach Hause kommen sollte. Bisher
hatte Doran nie eine Person mitgenommen, wenn er von Ort zu Ort rauchte. ~ * ~ |
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Abspann
Der Nestreport berichtet über die wahren und aufrührenden
Begebenheiten in Vogelnest. Text und Bilder: ©Sabine Vogel |
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