Sabine Vogel `s Nest
 

 


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_________ Der Nestreport __________
Kapitel 6 ~ Endlich in Sicherheit!?

Doran stand mit weichen Knien hinter der Tür der Bibliothek. Flackerndes Fackellicht kroch Unheil verkündend durch den Spalt unter der Tür über den hölzernen Fußboden. Er beobachtete, Schritt um Schritt zurückweichend, wie sich die Klinke langsam senkte. Zum Glück hatte er es gerade noch geschafft einen Stuhl so darunter zu verkeilen, dass sie sich nicht ohne weiteres öffnen ließ.
Wütende Stimmen drangen gedämpft durch das dicke Holz und kurz darauf erzitterte die Tür unter heftigen Schlägen, die das Holz splittern ließen. Im nächsten Moment sprang die Tür mit einem ohrenbetäubenden Bersten auf und krachte mitsamt dem Stuhl so heftig gegen die nächste Wand, dass die ganze Bibliothek erbebte.

Panisch stürzte Doran zum Grafen, fasste mit einer Hand dessen Schulter, suchte mit der anderen Halt am Kaminsims, schloss die Augen und konzentrierte sich fieberhaft. Er verspürte erleichtert das vertraute Flirren und schlängelte sich als dünner Rauchfaden durch eine Ritze des Fensterrahmens. Draußen stieg Doran als kleine grüne Wolke höher und höher in den Himmel, ließ sich vom Wind erfassen und trieb im fahlen Mondlicht langsam über Berge, Wälder und Seen dahin.

Tage später wehte Doran durch die offene Dachluke des Wintergartens, es war kurz nach Mitternacht und die ersten Tropfen eines herannahenden Gewitters zerplatzten auf dem schrägen Glasdach.

Auf der Anrichte im Wohnzimmer nahm der Dschinn wieder Gestalt an und blickte sich im vertrauten Zuhause um. Eine Welle der Erleichterung durchflutete ihn. Er war zurück und in Sicherheit. Seine rechte Hand lag immer noch auf der Schulter des Grafen. Zum Glück hatte er ihn unversehrt mitbekommen, merkwürdigerweise inklusive Stuhl. Unter seiner linken Hand allerdings fühlte Doran kalten Stein. Er riss erschrocken die Augen auf. Er hielt sich immer noch am Kaminsims fest. Doran hatte nicht nur den Grafen samt Stuhl, sondern auch gleich noch den Kamin samt einem Teil der Mauer mitgenommen.

 

Sogar das Feuer brannte noch, als wäre nichts geschehen. Der Rauch stieg in den Abzug und verschwand dort einfach. "Welch ein Witz wenn der jetzt in Pranztillianien aus dem Schornstein kommen würde", murmelte Doran und grinste.

Allerdings verging ihm das Lachen schnell als er an die Verordnungen für Dschinne dachte. Was für ein Schlamassel. Hoffentlich gab das kein Ärger. Er hatte vermutlich gerade gegen ein ganzes Bündel Verordnungen verstoßen. Doch das alles war im Moment nicht so wichtig, er musste sich jetzt erst mal um den Grafen kümmern.

Er hob ihn vorsichtig vom Stuhl, sprang mit ihm von der Anrichte und legte ihn sachte auf Sabines Sofa. Dann schob er eins der Kissen unter seinen Oberkörper damit er weicher lag. Er schaltete er die kleine Lampe auf dem Sekretär ein und betrachtete den Grafen erst einmal in Ruhe.
Die einst aristokratische, edle Kleidung war total verschmutzt, müffelte moderig und hing nur noch in Fetzen um den schlanken Leib, weil Doran bei der überstürzten Flucht, nicht gerade zimperlich mit dem Grafen umgegangen war.
Die schwarzen, langen Haare wirkten von der langen Zeit die er im Sarg gelegen hatte, wie in Staub gewälzt, stumpfgrau und struppig. Sie umrahmten ein blasses Gesicht dessen Augen fest geschlossen waren. Man hätte meinen können, der Graf würde einfach nur schlafen.

Dieser erste Eindruck wurde jedoch dadurch gestört, dass ihm ein großer Pflock, ungefähr an der Stelle wo das Herz saß, aus der Brust ragte.
Jetzt ist es endlich an der Zeit, das olle Ding herauszuziehen, dachte Doran. Er atmete einmal tief durch, fasste den Pflock mit beiden Händen und zog mit aller Kraft daran. Erst als er sich mit einem Knie auf den Brustkorb des Grafen abstützte, gelang es ihm ihn ein wenig zu lockern. Schließlich löste er sich ganz und flutschte, mit einem widerlich schmatzendem Geräusch heraus.



 

 

 

 

Doran bemerkte das der Pflock ganz anders aussah, als der, der in der Puppe gesteckt hatte.
Er sah aus wie der Zahn irgendeines Tieres, mit seltsamen intarsienartig eingelassenen Zeichen und das stumpfe Ende war kunstvoll in Silber gefasst.

Der Dschinn legte den Pflock vorsichtig beiseite, setzte sich mit vor Aufregung pochendem Herzen neben den Grafen auf die Sofakante und beobachtete ihn. Zuerst tat sich gar nichts, doch dann sah Doran verwundert, wie sich das große Loch in der Brust schloss und die Wunde verheilte. Nach ein paar Minuten war nichts mehr von ihr zu sehen, ganz so als ob es sie nie gegeben hätte.

Ehe Doran die Zeit hatte darüber nachzudenken, erschreckte er sich beinahe zu Tode, als der Graf urplötzlich die Augen öffnete und mit einem gurgelnden Schrei, wie aus einem Alptraum erwachend, senkrecht hochfuhr.
Zum Glück fasste er sich schnell und fing den Grafen gerade noch rechtzeitig auf, als der kraftlos, mit weit aufgerissen aber blicklosen Augen und nach Luft schnappend zur Seite kippte.
Der Schrei und das Aufbäumen hatte scheinbar seine ganze restliche Kraft verbraucht. Doran zog den bebenden Körper behutsam an seine Brust, so dass der Kopf des Grafen auf seiner Schulter ruhen konnte.

Eine ganze Weile saßen sie so da und Doran sprach beruhigend auf ihn ein. "Keine Sorge Graf, du bist hier in Sicherheit, alles wird gut." Dazu wiegte er ihn sanft hin und her, bis er sich beruhigt hatte und sein kühler Atem regelmäßig an seinem Ohr vorbei strich. Er schien eingeschlafen. Behutsam ließ ihn Doran auf das Kissen zurücksinken, zog eine Sofadecke zu sich heran und deckte den Grafen fürsorglich damit zu. Wenn er wieder aufwachte, würde er sicherlich großen Hunger haben dachte er, da wäre eine Hühnersuppe sicherlich genau das Richtige.

~ Der Graf ~

Der Graf nahm die Welt wie durch einen schwarz wogenden, dichten Nebel wahr, der sich nur allmählich lichtete, als wache er aus einem endlos langen Traum auf. Er hatte ein eisiges Gefühl in der Brust und sein ganzer Körper prickelte als spülte eine lange zurückgehaltene Flut durch jede Faser.

Von weiter Ferne her, vernahm er den beruhigenden Klang eindringlich gesprochener Worte, zu leise... er konnte sie nicht verstehen.
Er driftete weiter durch den Nebel, labte sich an unvermittelt dargebotenem Lebenssaft und spürte wie sich eine willkommene Wärme in seinem Körper ausbreitete, doch die entsetzliche Schwäche ließ sich zu seiner Überraschung nicht vertreiben.

~*~

Als Doran aufstand wurde ihm für einen Augenblick schwarz vor Augen und er spürt ein leichtes Schwindelgefühl. Ich glaube, dass ich die Suppe auch dringend nötig habe, dachte er, kratzte sich am Hals und schlurfte langsam nach nebenan, in die Küche.

"Hallo? Ist jemand zuhause?", rief eine wohlbekannte Stimme.

"Manuel? Was machst du denn mitten in der Nacht hier?", antwortete Doran aus der Küche und beugte sich durch den Türrahmen.
Manuel schloss die Wintergartentür hinter sich und trat ins Wohnzimmer. "Hallo Doran. Draußen zieht sich ein Gewitter zusammen. Ich war gerade auf dem Weg und dachte ich schau mal für ein paar Tage vorbei, wenn ich keine Ungelegenheiten bereite."
Er grinste verschmitzt, warf sich in den Sessel und schaute sich neugierig um. Sein Blick blieb am Kamin mit dem Feuer hängen. Er zog überrascht die Augenbraun hoch. "Hat Sabine wieder was gebastelt? Sieht ja richtig echt aus!"

"Ei- eigentlich nicht..."

Da bemerkte Manuel den Grafen, im Halbdunkeln auf dem Sofa. "Du hast schon Übernachtungsbesuch?" Er schob seinen Hut zurück, strich sich ein paar Haarstränen hinters Ohr und sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. "Doch nicht etwa Humpelfuß?"

"Humpelfuß?"


 

"Ja, Humpelfuß. Im Dorf nennen ihn alle so, der Verbrecher, du weißt schon, dieser Vladius! Das da ist er doch wohl nicht, oder?"

"Ja... äh, nee. Das ist nicht Vladius, das ist... eine lange Geschichte", meinte Doran leicht abwesend und kratzte sich wieder am Hals.

"Was hast du den da?"

"Weiß ich auch nicht, es juckt irgendwie. Muss mich irgendwas gestochen haben."

Manuel beäugte Dorans Hals genauer, "Sieht aus wie zwei Stiche und-", er rümpfte die Nase, " -da läuft irgendwas Grünes raus".

Doran betrachtet seine Finger. "Das Grüne ist mein Blut!", sagte er erstaunt und steuerte augenblicklich das Badezimmer an.

Manuel folgte ihm verwundert. "Du hast grünes Blut?"

"Ja sicher! Ich bin immerhin ein Dschinn. Und Dschinne haben nun mal grünes Blut", entgegnete Doran als ob es das natürlichste der Welt wäre - kopfschüttelnd über so viel Unwissen.
Im Bad suchte er nach einem Pflaster und Manuel half ihm es anzukleben.

"Was hältst du davon, es dir irgendwo bequem zu machen Manuel? Ich brauch noch eine Weile in der Küche, ich mache grade Hühnersuppe, die isst du doch auch so gerne. Danach erzähle ich dir dann auch die ganze Geschichte."

 

Damit wuselte Doran ab in die Küche und Manuel schlurfte ins Wohnzimmer um sich den Kamin ein bisschen genauer anzusehen.

Überrascht stellte er fest, dass das Feuer echt und auch der Rest der Feuerstelle keine Attrappe, sondern tatsächlich aus Stein gemauert war.
Auf dem Sims standen ein paar Gegenstände. Ein Kerzenleuchter, chinesische Vasen, alte Bücher und eine hübsche kleine Kanone aus Messing.
Das alles war eindeutig echt. Der ganze Kamin stand an einer Wand, die wie irgendwo herausgerissen wirkte.

Er war ganz in die Betrachtung des Wappenschildes über dem Kamin, vor dem sich zwei kunstvoll gearbeitete Schwerter kreuzten vertieft, als seine feine Nase von irgendwo her ein unangenehmer Mief erreichte. Er erinnerte ihn an seinen alten Schlafsack, den er nass weggepackt und der dann wochenlang vergessen vor sich hingegammelt hatte. Im Nest hatte es noch nie so gerochen.

Neugierig beäugte Manuel die schlafende Gestalt auf dem Sofa und trat näher an sie heran.
Sie war eindeutig für diesen penetranten Geruch verantwortlich. Welch ein Gestank.
Manuel rümpfte die Nase. Er traute es Doran zu, das er wieder irgendwo einen verlausten Gammler aufgelesen und ins Nest gebracht hatte. Hoffentlich nicht noch so einer wie dieser Humpelfuß.
Manuel beugte sich tiefer um die rechte Hand des Schlafenden in Augenschein zu nehmen. Sie war zwar mindestens so blass wie die des Verbrechers aber zu Manuels Erleichterung fehlte der zartgliedrigen Hand auf dem Kissen eindeutig das verräterische, blaue Tattoo.
Allerdings wirkte der Ärmel und was sonst noch von der Kleidung zu sehen war, wie durch einen Schredder gezogen.

Als er sich noch weiter herunter beugte, konnte Manuel auch das Gesicht des Mannes sehen. Es war der Rückenlehne zugewandt und von verfilzten, schwarzen Haaren eingerahmt. Der Mann hatte markante Gesichtszüge und war von beinahe makelloser Schönheit, wenn auch etwas fahl und abgemagert. Es schien ihm alles andere als gut zu gehen. Als Manuel, so über ihm gebeugt stand, drehte er den Kopf. Ein schwaches Stöhnen entwich seinen Lippen und wurde alsbald zu einem bedenklichen Würgen.

Manuel reagierte instinktiv und griff nach dem erstbesten Gefäß in der Nähe. Zum Glück hatte Sabine einen leeren Blutorange-Joghurtbecher auf dem Sofatisch vergessen. Als er den Mann sachte an den Schultern packte um ihn rechtzeitig in eine sitzende Position zu bringen, schreckte er heftig zusammen und gab einen ängstlichen Laut von sich.
"Keine Angst ich will ihnen doch nur helfen." Manuel setzte sich, den fäulnisartigen Gestank ignorierend, neben ihn und schob ihm den Becher in die fahrig umhertastenden Hände. Keine Sekunde zu früh.

Es wollte gar kein Ende nehmen, der Mann hing wie ein Häufchen Elend in seine Armen, zitterte wie Espenlaub und spuckte sich die Seele aus dem Leib.
Eine merkwürdig grüne Flüssigkeit war jedoch alles was er hervorwürgte.

Hin und wieder brachte er ein klägliches Wimmern zustande, dass es Manuel schier das Herz zerriss und ihn dazu veranlasste ihm mitfühlend über den Rücken zu streichen.

 

 

 

Bald darauf hörte er auf zu zittern und Manuel spürte erleichtert wie sich der verkrampfte Körper in seinen Armen langsam entspannte. Das schlimmste schien überstanden zu sein. Behutsam ließ er ihn zurück auf das Kissen sinken.

Mach einer Weile öffnete der Mann die Augen. Zuerst schaute er ihn erstaunt an, dann lächelte er dankbar.




~ Der Graf ~

Das nächste, was jäh aus dem Nebel auftauchte war... Schmerz!
Zum eisigen Gefühl in der Brust des Grafen gesellte sich ein gnadenlos brennender Schmerz, der in seinen Eingeweiden zu wüten schien. Die anfängliche Wärme hatte sich in ein höllisches Feuer verwandelt. Ein gepeinigtes Stöhnen entrang sich seiner Kehle. Er wollte sich zusammenkrümmen um den Schmerz zu lindern, doch er war zu schwach dazu. Er spürte wie sich seine Eingeweide krampfhaft zusammenzogen und irgendetwas, unaufhaltsam seinen Weg nach draußen suchte. Er würgte.

Plötzlich wurde er von kräftigen Händen gepackt und hochgezogen. Diese unerwartete Berührung ließ ihn heftig zusammenschrecken. Alle Berührungen die er kannte, all die Dinge mit denen die Menschen ihm nachstellten, bedeuteten Schmerz. Seine Augen konnten nur undeutliche Schemen erkennen, an eine Flucht war nicht einmal zu denken. Sich dem unausweichlich erscheinenden Schicksal ergebend schloss er die Augen.
Was würde es diesmal sein, ein silbernes Kruzifix, eine scharfe Klinge...?

Doch der Schmerz kam nicht. Jedenfalls nicht von außen. Er stöhnte auf als sich seine Eingeweide abermals krampfhaft zusammenzogen. Unvermittelt wurde ihm ein Gefäß in die Hände gedrückt und er erbrach sich heftig hinein. Sanfte Hände streichelten über seinen Rücken und jedes Mal wenn er sich tiefer über das Gefäß beugte und sich sein Innerstes von unerwünschtem Inhalt verabschiedete, hielten sie seinen Kopf.

Diese Berührungen waren ganz anders als erwartet und das Gefühl das sie in ihm auslösten konnte er nicht zuordnen, es war ihm völlig fremd und doch so... tröstend!
Völlig fremd...?
Gab es da nicht etwas, ganz tief verschüttet, unter einem Berg grausamer Erinnerungen?
Hatte er so etwas nicht schon einmal gespürt, vor unzähligen Jahren... oder waren es Jahrhunderte?

Nach einer schier endlosen Tortur, beruhigten sich seine Eingeweide langsam; irgendwann war einfach nichts mehr drin was noch rauskommen konnte und er wurde sanft zurück auf ein weiches Kissen gebettet.
Eine Weile lag der Graf einfach nur da und kämpfte gegen die Schwäche die ihn wieder in den schwarzen Nebel ziehen wollte. Es gelang ihm soweit, dass wenigstens seine Sicht schärfer wurde. Das erste, was seine Augen erblickten, war ein anderes Paar Augen, das auf ihn herabblickte, blau wie das Meer nach einem Sturm.
Er konnte seinen Blick nicht abwenden von dem blonden Mann mit dem hübschen Gesicht. So hatte er sich einen Engel immer vorgestellt. Aber wie um alles in der Welt war er bloß in den Himmel gekommen?

~ * ~

 

 


Manuel drückte Doran, der inzwischen in der Küche fertig war, den benutzten Joghurtbecher in die Hände, schmiss ein paar der miefigen Kleiderfetzen auf den Fußboden und zog die Sofadecke höher damit der mittlerweile halbnackte Mann sich nicht noch eine Erkältung einfing.

Irritiert starrte Doran auf den Inhalt des Bechers, als sich die Wohnzimmertür öffnete und Herr Nimtsch eintrat. Er sah etwas übermüdet aus, als ob er die ganze Nacht lang an irgendeiner Erfindung gebastelt hätte.

"Guten Morgen zusammen", grüßte er lächelnd und trat näher. "Ich wollte mich eben auf den Heimweg machen, da sah ich hier schon Licht brennen. Wie ich bemerke bist du von deinem Abenteuer zurück Doran, warst du Erfolgreich?"

"Ich hatte die Hoffnung schon beinahe aufgegeben, den Grafen und das Schloss in dem er gefangen war, noch zu finden, aber dann habe ich noch einmal auf den alten Landkarten, die sie mir geliehen haben nachgekuckt, Herr Nimtsch."
"Die Karten hat mein Bruder von seinen Weltreisen mitgebracht"

"Auf den Karten von Pranztillianien war nichts zu finden. Erst als ich die ganz alte Karte, mit der ich zuerst nichts anfangen konnte, zusammengefaltet habe, war plötzlich ein Schloss zu sehen. Es was das gleiche Bild wie auf der losen Seite, die aus Vladius Buch gefallen ist."

"Oh ja, jetzt verstehe ich. Ich habe dem Herrn Vladius, unserem neuen Schniffelbi-Dorfmitglied, meinen alten ausrangierten Schreibtisch gegeben und ihm zum Zeitvertreib noch ein paar Bücher geschenkt. Dabei war auch eins über Pranztillianien, wenn ich mich recht erinnere. Eine Beschreibung der Mythen, Legenden und wahre Geschichten aus dem Land in den Transkarpen. Auch ein Mitbringsel meines Bruders fürchte ich."

"Ich hoffe, es war auch ein Buch über höfliche Umgangsformen dabei", sagte Manuel, der sich an seine Begegnung mit Vladius erinnerte und sich nicht zurückhalten konnte.

"Ich fürchte nicht, mein lieber Manuel", gluckste Herr Nimtsch und warf ihm einen amüsierten Blick zu. Wurde aber sogleich wieder ernst. "Wie ich gehört habe, war eure erste Begegnung nicht sehr, sagen wir…glücklich." Er räusperte sich und fuhr fort. " Inzwischen hat sich bei mir schon halb Schniffelbi, über unsern neuen Mitbürger beschwert.
Die meisten Leute haben Angst vor ihm, sie fühlen sich nicht mehr sicher und verlangen, dass er wieder ins Gefängnis kommt. Nur mit Mühe war es mir möglich sie zu beruhigen. Ich fürchte der gute Vladius ist sich nicht bewusst auf welch dünnem Eis er sich bewegt, ein ernstes Gespräch mit dem jungen Mann wird sich, zu seinem und unseren Wohl, nicht umgehen lassen." Sagte Herr Nimtsch und schüttelte bedauernd den Kopf.

Manuel schnaubte. "Bei dem ist Hopfen und Malz verloren, wenn Sie mich fragen. Der Mann ist gefährlich, ein gemeiner Schwerverbrecher und vermutlich sogar ein Mörder. So einen wie den dürfte man doch gar nicht frei rumlaufen lassen. Am besten Sie stecken ihn schnell wieder ins Gefängnis, bevor noch was passiert. "

"Tja Manuel, das könnte schneller geschehen als du denkst. Ich habe gestern ein Schreiben von der Gefängnisleitung erhalten. Bei der Auswahl der Gefangenen für das neue Rehabilitationsprogramm ist denen ein Fehler unterlaufen. Statt Vladius sollte eigentlich ein anderer Häftling, der weit weniger auf dem Kerbholz hat, entlassen werden."

Manuel grinste schadenfroh und Doran sah den Bürgermeister erschrocken an und schlug sich die Hand vor den Mund. "Ich wusste ja gar nicht das Vladius so ein schlimmer Verbrecher ist, muss er denn jetzt wieder ins Gefängnis zurück?"

"Das wird sich herausstellen, mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Aber das sollte uns im Moment nicht kümmern."

Herr Nimtsch setzte sich neben Doran auf das Sofa und beäugte die schlafende Gestalt. "Ist das der Graf, den du gerettet hast?"
"Ja, Herr Nimtsch. Aber sehen Sie sich das mal an." Doran zeigte ihm den Jogurtbecher und dessen Inhalt.

Manuels Blick war stattdessen zwischen Dorans Hals, dem Inhalt des Joghurtbechers und dem Grafen, hin und her gewandert. Seine Augen wurden immer größer und er rutschte ein Stück zur Seite, als ihm klar wurde was es mit dem Mann neben ihm auf dem Sofa auf sich hatte.
"Da... das ist ein Vampir! Er hat dich gebissen." Manuel deutete mit zitterndem Finger auf Dorans vermeintlichen Kratzer am Hals. "Dein Blu... Blut ist grün. Er hat's nicht vertragen und wieder ausgespuckt."

Doran fasste sich erschrocken an das Pflaster am Hals und Herr Nimtsch beäugte es über seine Brille hinweg. "Das ist ja höchst interessant. Und ganz wunderbar. Wo ich doch befürchtet habe, das die Vampire inzwischen ausgestorben sind."
Herr Nimtsch schwenkte den Inhalt des Bechers. "Unser menschliches Blut ist mit Eisen versetzt. Doran du hast grünes Blut. Auf Kupferbasis. Das ist völlig ungenießbar für einen Vampir, kein Wunder, das es wieder raus gekommen ist."

 

Dann fiel der Blick Herr Nimtschs auf den Pflock, der auf dem Wohnzimmertisch lag.

"Oh, ein Bannzahn!" Herr Nimtsch nahm ihn behutsam und untersuchte ihn eine ganze Weile.

Manuel dachte schon, dass er vergessen hätte, dass sie auch noch da waren, als er zu sprechen begann.

"Es handelt sich hier eindeutig um den Zahn einer Säbelzahnschnecke, deren Gift für seine lähmende Wirkung bekannt ist. Die Zeichen aus Silber hier sind mir jedoch", er fuhr mit dem Finger über die glatte Oberfläche, "das muss ich zu meine Schande gestehen, gänzlich unbekannt."

"Was ist eigentlich ein Vampir?" fragte Doran arglos in die Runde.
Eine Antwort bekam er nicht, denn die Aufmerksamkeit der Beiden wurde von Grafen abgelenkt, der sich plötzlich bewegte.

Manuel schrie erschrocken auf, brachte sich mit einem Hechtsprung außer Reichweite des Vampirs und machte es sich auf der Sofalehne bequem. Der Graf indes versuchte sich mühsam aufzusetzen, gab aber mitten in der Bewegung auf und sackte kraftlos aufs Kissen zurück.

Bei der Aktion war die Decke etwas verrutscht und entblößte den nackten Oberkörper des Grafen. Herr Nimtsch beugte sich hinunter, um die Stelle wo der Pflock gesteckt hatte aus der Nähe zu betrachten.
Die gesamte Aufmerksamkeit des Grafen jedoch lag auf dem Pflock, in Dorans Händen. Und er versuchte sich tiefer in das Kissen zu drücken um Abstand zu gewinnen.

~ Der Graf ~

Glücklicherweise legte Doran Zopf den Pflock beiseite und der Graf entspannte sich ein wenig. Der Graf war der Unterhaltung der Drei gefolgt. Es war ihm inzwischen klar geworden, dass er nicht im Himmel gelandet und sein Engel ein ganz normaler Mensch mit Namen Manuel war.
Es brannte nur eine einzige Lampe, die jedoch so viel Helligkeit ausstrahlte, dass sie den ganzen Raum in ein für ihn schon unangenehmes Licht tauchte. Draußen vor dem Fenster tobte ein heftiges Gewitter. Dicke Tropfen schlugen ans Fenster und liefen in breiten Rinnsalen die Scheibe hinab.
Auf einer riesigen Anrichte aus dunklem Holz, an einer Seite des Raumes stand etwas, das dem Grafen sehr vertraut vorkam. Er meinte darin seinen alten Kamin wieder zu erkennen. Er hatte unzählige Nächte damit verbracht, davor zu sitzen um Trost und Linderung im Anblick der Flammen zu finden. Es gab keinen Zweifel, das war der Kamin aus dem Schloss der Morgula, denn über dem Kamin hing sein Familienwappen.

~*~

 

 

"Gestatten, das ich mich ihnen vorstelle Herr Graf. Mein Name ist Nimtsch, Scherbat Nimtsch.
Ich bin der Bürgermeister von Schniffelbi und noch so einiges. " Herr Nimtsch strahlte als ob Ostern und Weihnachten zusammen fallen würden.

"Ich bin Nikodemus, " krächzte der Graf und hustete. "Nikodemus Graf Morgula."

Herr Nimtsch hob erstaunt die Augenbrauen.

 

 

"Graf Morgula. Sie glauben ja gar nicht, welche Ehre es für mich ist sie kennen zu lernen. Eins meiner Hobbys ist die Vampirologie, ich bin sozusagen Hobby-Vampir-Forscher und schreibe an einem kleinen Büchlein über diese faszinierenden Geschöpfe der Nacht. "

Der Graf sah mit einem Gesichtsausdruck zu ihm auf, als halte er ihn für völlig übergeschnappt.

 

 

 

Manuel teilte diesen Eindruck und verstand die Welt nicht mehr. Da lag Graf Morgula vor ihm auf dem Sofa und Herr Nimtsch freute sich wie ein Honigkuchenpferd, und gab ihn sogar gerade seine Jacke, anstatt ihm den Pflock gleich wieder ins Herz zu rammen.

Offensichtlich war sich keine hier bewusst wie gefährlich ein Vampir war, und dann auch noch der Ober-Vampir Graf Morgula höchstpersönlich. Manuel kannte sich da bestens aus, er hatte alle Filme gesehen. "Graf Morgula bittet zum Tanz", "Interview mit Graf Morgula" und auch "Blut für Graf Morgula".

"Wer will denn jetzt Hühnersuppe?" fragte Doran unvermittelt in die Runde, nachdem sein Magen ein heftiges Knurren von sich gegeben hatte.

"Oh ja, ich nehme gerne einen Teller, " erwiderte Herr Nimtsch. "Aber der Herr Graf wird sicherlich ein wenig Blut bevorzugen. Nicht war?" Er zwinkerte dem Grafen belustigt zu, dessen Blick sogleich zu Manuels Hals glitt, worauf der noch ein Stück weiter wegrutschen wollte und prompt von der Sofalehne fiel.

Doran eilte schnell zu ihm und half ihm wieder auf die Beine.
"Ich glaube es ist jetzt Zeit für mich hier abzuhau- äh, zu gehen. Wir sehen uns dann." Sagte Manuel und hastete in Richtung des Wintergartens los. Die Glastür war jedoch geschlossen und so donnerte Manuel mit Wucht davor, taumelte zurück und sank leicht benommen auf das Parkett des Fußbodens.
Doran half im wortlos ein weiteres Mal auf und führte ihn in die Küche, wo er ihn an einen Tisch setzte, einen Löffel in die Hand drückte und einen dampfenden Schale Suppe unter die Nase schob.
Doran wollte gerade ins Wohnzimmer zurück, als Herr Nimtsch schnaufend durch die Flurtür in die Küche stürzte. "Hier, das hatte ich noch in der Werkstadt. Instant-Blut. Eine kleine Erfindung von mir, für Bluttransfusionen." Er hielt ein kleines Glas mit rotem Pulver darin in die Höhe. "So ist das Blut länger haltbar." Herr Nimtsch griff sich einen Löffel, häufte fünf Löffel Pulver in einen kleinen Plastikbecher, füllte ihn mit warmem Wasser aus dem Hahn auf und rührte kräftig. "Gut rühren ist wichtig, damit es keine Klumpen gibt, wegen der Thrombosegefahr."

Ließ Herr Nimtsch die Beiden wissen und begab sich, bevor Doran oder Manuel irgendetwas sagen konnten, zurück zum Grafen Morgula und reichte ihm das leicht schaumige Gemisch.
Der roch skeptisch daran und Manuel der Herrn Nimtsch neugierig gefolgt war, konnte aus sicherer Entfernung sehen wie der Graf den Mund öffnete und die Eckzähne immer länger wurden, dann nippte er vorsichtig und verzog angewidert die Lippen. Offensichtlich traf das Instant-Blut Gemisch nicht so ganz den Geschmack des Grafen. Trotzdem schloss er dessen ungeachtet die Augen und trank den Becher gierig aus.



~ * ~
Fortsetzung folgt...

 



Abspann

Der Nestreport berichtet über die wahren und aufrührenden Begebenheiten in Vogelnest.
Jede Ähnlichkeit der Personen, Charaktere und Namen im Nestreport mit lebenden, historischen oder anderen fiktiven Personen und Charakteren sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Text und Bilder: ©Sabine Vogel
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