Puppenmagazin
3/2011
Visionärin
Im
Gespräch mit Sabine Vogel
Interview: Christiane
Aschenbrenner
Sabine Vogel
kombiniert in ihren außergewöhnlichen Werken, klassische
Puppenkunst mit modernen Elementen der figuralen Gestaltungskunst. Die
beweglichen Objekte aus ihrer Werkstatt sind nicht nur mit hervorragendem
handwerklichem Können modelliert. Zur Avantgarde der experimentellen
Figurenkunst gehört Sabine Vogel vor allem wegen ihrer geradezu
visionären Ideen, die sie auf bemerkenswerte Weise umsetzt.
Für welche Art der Kunst steht das Label Sabine Vogel?
Meine Arbeiten
gehen mit dem Geist der Zeit, sind aber gleichzeitig zeitlos klassisch.
Das sieht man am besten an meinen "Beautiful Beasts": Sie
sind schön und schrecklich, voller geballter Erotik, gleichzeitig
aber auch zurückhaltend, sie wirken stark, sind aber dennoch zerbrechlich.

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Hier wurde Schönheit exakt ausmodelliert
- die Skulptur Bora aus dem Jahr
2010 |
Haben Sie
ein Lieblingsthema?
Die von mir gestalteten
Objekte sind umgeben von einer mystischen Aura, sie sind gleichsam die
physische Manifestation eines Traumes. Leben ist Bewegung: die optische
Lebendigkeit der Objekte wird durch die körperliche Beweglichkeit
noch verstärkt. Beweglichkeit war schon immer eins meiner liebsten
Sujets. Ein Figürchen, ein kleiner Indianer aus Ton, Draht und
Leder, den ich im Alter von fünfzehn Jahren gebastelt habe, hatte
bereits zehn Gelenke, damit lebendiger wirkte und ich ihn besser positionieren
konnte.
Aktuell sind Ball
Jointed Dolls (Gelenkpuppen) einer der großen Trends in der Puppenszene.
In Ihrer Werkstatt entstanden schon zu Beginn Ihrer Karriere Modelle
mit über 14 Gelenken. Sehen Sie sich als eine Art Vorreiterin?
In gewisser Weise
schon, ohne vermessen klingen zu wollen. Bereits Anfang der 90er Jahre
habe ich meine Modelle mit dem Untertitel "Bewegliche Figuren aus
Porzellan" angeboten. 1992 stellte ich "Rufio", versehen
mit nicht weniger als 14 Gelenken, auf dem EDG Kongress in Hamburg erstmals
der Öffentlichkeit vor. Zu dieser Zeit waren Gelenke in Porzellanpuppen
etwas ganz und gar Einzigartiges. Damals habe ich einen Preis für
die beste Idee bekommen. Inzwischen entwickeln sich die sogenannten
BJD's zum Boom und viele springen auf diesen Zug auf. Insofern sehe
ich mich schon als Wegbereiterin dieses Trends.

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Saltatrix besteht
aus teilweise vergoldetem Porzellan. Die Tanzhaltung demonstriert
die faszinierende Beweglichkeit der mit 14 Gelenken versehenen Figur. |
Darf man
Sie eigentlich als Puppenkünstlerin bezeichnen?
Natürlich,
das ist ja durchaus ein Kompliment; außerdem war und bin ich in
der Künstlerpuppenszene sehr aktiv. Aber das Wort "Puppe"
und die Assoziationen, die die meisten Menschen damit verbinden, passen
zu meinen Figuren nicht wirklich gut. Puppen sind süß, niedlich,
kindlich, man kann sie aus-, an- und umkleiden, sie sind ein Spielzeug
im besten Wortsinn - nicht nur für Kinder, sondern auch für
Erwachsene. Für einen Kunstsammler sind diese Art Puppen unbefriedigend,
sie machen ihn nicht "satt". Meine Arbeiten wehren sich gegen
jede Art der Lieblichkeit. Sie beanspruchen Aufmerksamkeit sowie Freiraum
und sie polarisieren. Es sind eher Skulpturen, die Erwachsene mit den
dazugehörigen geschlechtsspezifischen Merkmalen darstellen.

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Die geheimnisvolle Aura der legendären Nofretete
kommt in Sabine Vogels Skulptur besonders gut zur Geltung. Das Porzellan
wurde zum Teil vergoldet. |
Welche Käufer-Zielgruppe
haben Sie dabei im Visier?
Sammler mit künstlerischem Anspruch und Menschen, die auf der Suche
nach etwas Außergewöhnlichem sind, nach Objekten, mit denen
sie ihre eigene Persönlichkeit unterstreichen können. Meine
Sammler haben die "Beautiful Beasts" sowohl in ihrem Zuhause,
präsentieren diese aber auch in ihren Büros und Geschäftsräumen.
Was schätzen
die Sammler/Käufer Ihrer Kunstwerke ganz besonders?
Vor allem den persönlichen
Kontakt, aber auch die Tatsache, dass ich alles an meinen Figuren selber
mache - bis auf die Kristallglasaugen die ich vom Glasbläser anfertigen
lasse. Ein "Beautiful Beast" ist immer ein Einzelstück,
scheinbar lebendig - filigran, beweglich und unverwechselbar.

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Helena strahlt
Sinnlichkeit und Erotik aus. |
Erzählen
Sie über Ihre neuesten Arbeiten. Welches Material und welche Techniken
wurden angewendet?
Meine Figuren entwickeln
sich immer mehr zu beweglichen Skulpturen. Der Werkstoff Porzellan wird
immer dominierender und verdrängt die Seide, aus der ich bisher
einen Großteil der Ausstattung gefertigt habe, von Mal zu Mal
mehr. Bekleidung, Schmuck, Schuhe und Hautstrukturen modelliere ich
immer öfter aus Porzellan direkt an und auf den Körper.
Und Ihre
aktuellen Themen?
Besonders interessant
als künstlerisches Sujet finde ich die neuen Herausforderungen,
denen wir uns durch sich immer rasanter entwickelnden Technologien immer
schneller stellen müssen. Bei meinem Objekt "Android a"
zum Beispiel habe ich unsere Zeit des denkenden Mikrochip im Hinterkopf
gehabt. Ist es ein Mensch, der wie ein Android aussieht oder eine Android,
der wie ein Mensch aussieht? Auch handwerklich-technisch versuche ich,
dem Zeitgeist auf der Spur zu bleiben und experimentiere gerne mit verschiedenen
Werkstoffen. "Gold trifft Gold" ist genau so eine meiner Ideen:
Porzellan wird auch weißes Gold genannt, deshalb lag für
mich eine Verbindung der beiden Materialien nahe. Bei "Android
a" oder "Saltatrix" zum Beispiel ist das Porzellan teilweise
vergoldet.

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Android a -
androgynes Wesen zwischen Mensch und Maschine. |
Auch bei
der Vermarktung Ihrer Produkte gehen Sie neue Wege, sehen Sie hier noch
weiteres Potential?
Im Zuge des "Gold
auf Gold- Projektes war die Ausstellung bei einem Bielefelder Juwelier
Ende letzten Jahres wunderbar passend und sehr erfolgreich: Die Beautiful
Beasts sind eine hervorragende Symbiose mit den Schmuckstücken
von Bulgari, Chopard oder Piaget eingegangen. Da haben viele zweimal
hingeschaut und es sind einige ganz neue Interessenten auf mich zugekommen.
Und natürlich ist das Internet ein guter Marktplatz. Ich gestalte
meine Homepage mit der gleichen Hingebe wie meine Figuren. Sie ist mein
besonderer Liebling, denn dort kann der Besucher die Beautiful Beasts
erleben und viel über das Drumherum erfahren. Außerdem im
Social Media vertreten. Neben Facebook findet man mich bei DeviantART,
einer Online-Community für Kunst und Fotografie und auf Flickr,
das ist ein Dienstleistungsportal, auf der man Fotos und Videos einstellen,
bearbeiten und anderen Nutzern zur Verfügung stellen kann.

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Rosa, die schlafende
Schöne im Märchentraum. Wie alle weiblichen Beautiful
Beasts misst die Figur zirka 56 Zenitmeter. |
In welchem
Umfeld würden Sie Ihre Figuren gern einmal zeigen?
Vielleicht irgendwann
mal in einem richtigen Kunstmuseum (Sabine Vogel zwinkert). Doch im
Moment freue ich mich erst mal auf die Ausstellung des Verbands europäischer
Puppenkünstler im September in Lüneburg.
Wovon erzählen
die nächsten Skulpturen aus Ihrer Werkstatt?
Es sind einige Objekte in der Entstehungs- beziehungsweise Planungsphase.
Unter anderem arbeite an einem Remake meiner Figuren zum Thema "Tuk
Tuk Schönheitsideale". Anlass ist das "Verbot des Füße
Einbindens" das in China vor nunmehr 100 Jahren erlassen wurde.
Die Figur wird die Praktiken zusammenfassend darstellen, wie sie in
verschiedenen Kulturen zur Schönheitskorrektur der Körpers
verwendet wurden und zum Teil leider immer noch werden: Die Lippenscheibe
aus Afrika, der asiatische Giraffenhals, das Korsett mit Ursprüngen
in Europa und der Lotusfuß aus China.
Das
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